Büchertipps – Quer durch die Buchhandlung

„Ich weiß genau, was da passiert… Kinder erklären Kunst”

Ich_weiß_genauEin wunderschönes und nur äußerlich dünnes (48 Seiten) Buch, das so gar nichts mit islamischer, doch alles mit Kunst zu tun hat. Eine Redakteurin des Kunstmagazins art hat Kindern von 5-7 Jahren im Verlagshaus Gruner + Jahr jeweils ein berühmtes Meisterwerk der Malerei gezeigt und sie erzählen lassen, was ihnen dazu einfällt. „Was die Kinder zu sagen haben, ist natürlich oft einfach lustig. … Vor allem aber ist es befreiend. Weil sich an diesen Bildergeschichten lernen lässt, sich von allem Vorwissen über Epochen und Stile, Künstlerbiografien und Zeitumstände zu lösen – um ganz Auge zu sein …” sagt das Vorwort; aber das ist es nicht allein.

Das älteste Bild wurde um 1480 von Sandro Botticelli gemalt, das neueste von David Hockney im Jahr 2003. Dazwischen findet man 20 Bilder aller zeitlichen Provenienzen, insgesamt also 22 Gemälde und ebenso viele Buben und Mädel mit scharfen Augen, großer Phantasie und verblüffenden Einsichten.

„Ich weiß genau, was da passiert. Ein Prinz küsst eine Prinzessin. Das spiel ich manchmal mit meinen Barbies. Der Prinz ist gerade hereingekommen. … Aber Moment mal: Das ist gar keine Prinzessin! Das ist eine Puppe. Echte Frauen sind nicht so dünn in der Mitte. Nicht mal meine Barbies sind so dünn in der Mitte. … Nur, warum der Prinz eine Puppe küsst, versteh ich nicht. Jungs spielen eigentlich nicht so gern mit Puppen.” So Marie, 6 Jahre, zu „Der heimliche Kuss” (1787) von Fragonard.

„Den Kerzenständer finde ich am schönsten”, meint die 5-jährige Ida zu Grantimage0 Woods American Gothic (1930). „Nur Kerzen muss der Mann noch holen, denn es ist schon spät, und er und seine Frau wollen gleich zu Abend essen, und dazu brauchen sie Licht. Die Frau hat Brathühnchen gekocht, deswegen hat sie auch eine Schürze an. Die finde ich aber nicht so schön, weil sie braun ist. Meine Lieblingsfarbe ist Hellblau. Und Rosa. Ich glaube, sie gehen ins Kino, denn die Frau sieht ganz festlich aus wegen der Brosche …”. Der „Kerzenständer” ist eine Heu- oder Mistgabel, kein Brathuhn ist zu sehen und das Haus im Hintergrund lässt nicht vermuten, dass ein Kino in der Nähe sein könnte. „Der Mann muss sich vor dem Kino aber noch umziehen, denn so kann er nicht gehen, ich meine: mit Latzhose. Er sieht ein bisschen traurig aus und blass. Er ist bestimmt erschöpft von der Arbeit, denn er ist schon alt. Er ist Polizist und seine Frau Krankenschwester”. Wann haben wir uns zuletzt vor einem Bild so viele Gedanken gemacht? Wann die Welt dahinter ausgelotet? Uns schon mal in die dargestellten Personen hineinversetzt, versucht ihre Zeit und Umwelt zu verstehen? Keine Zeit? Bilderflut? Schnell mal durch die Uffizien? Ein Kunstbuch durchgeblättert? Sehen wir in der Sixtinischen Kapelle in Michelangelos Erschaffung des Adam (1508/12) mehr als der 6-jährige Jan, dem zunächst nur auffällt: „Da sind zwei Männer auf dem Bild. Der eine ist jünger und hat nichts an. Der andere hat lange, graue Haare und ein Kleid an, aber er ist trotzdem keine Frau.” Jan sieht dann noch viel mehr, wir haben jedoch die Sixtina schon wieder verlassen…

Das Buch macht nachdenklich und es macht viel Freude; auch regt es an, sich zusammen mit seinen Kindern oder Enkeln in die Welt der Kunst zu begeben, ihnen zuzuhören. Zudem: man sollte sich an das Buch beim nächsten Ausstellungsbesuch erinnern – und die Augen aufmachen …

image0Zum Beispiel in der Bayerischen Staatsbibliothek, wo die „Wunder der Schöpfung” aufgeblättert werden: Islamische Buchkunst pur – und der Katalog taugt nicht zuletzt als Bilderbuch, in dem es für Kinder so manches zu entdecken gibt.

Voller Stolz präsentiert die Bibliothek nicht nur 43 Handschriften aus dem alten Bestand – sie begleiteten mit rd. 200 anderen schon 1910 im Fürstensaal die große Ausstellung Muhammedanischer Kunst -, hinzu kommen noch 37 Stücke, die die BSB in den letzten 100 Jahren erwarb. Voller Stolz präsentiert das Haus aber auch den bibliophil gestalteten Katalog, in dem Dr. Helga Rebhan und Dr. Winfried Riesterer (sowie 2 andere Autoren) mit gewohnter Akribie und „Umgebungswissen” die 80 Objekte – notgedrungen kurz, doch in deutscher und englischer Sprache – vorstellen. Alle Handschriften sind mit mindestens einem großformatigem Bild im Buch vertreten. Dass das alles in herausragender Qualität geschieht, verbürgt der Verlag Harrassowitz. Ein weiterer „Mehrwert” des Katalogs ist der Schlüssel zu den mit Beginn der Ausstellung fertig gestellten Digitalisaten der BSB, was zu jeder Katalognummer vermerkt ist – und das bereits bei über 40% der ausgestellten Objekte. Durch Eingabe der Signatur oder des Titels in die Website der BSB www.bsb-muenchen.de/OPACplus.92.0.html kann man die gesamte Handschrift sowohl schwarzweiß wie farbig zu Hause am Bildschirm durchblättern. Als Online Public Access Catalogue bezeichnet man öffentlich zugängliche digitale Bibliothekskataloge.

Weil von bibliophilen Büchern die Rede ist, sei nochmals auf die beiden Ausgaben in Ganzleder der Neuübersetzung des Korans von Hartmut Bobzin hingewiesen, die der Verlag C.H.Beck mit Recht als „buchkünstlerische Juwelen” bezeichnet. Von diesem Buch erschienen neben der Normalausgabe 1000 Exemplare in orientalischem Ledereinband mit Klappe, mit marmoriertem Vorsatz und Echtgoldschnitt, im Schmuckschuber, von 1 bis 1000 nummeriert. Eine Steigerung erfährt die Vorzugsausgabe in nur 114 Exemplaren im Schmuckschuber mit je einer Originalkalligraphie von Shalid Alam von I bis CXIV nummeriert. Jeder Nummer liegt das signierte Original (34×25 cm) der Suren-Überschrift mit gleicher (römischer) Nummer bei.

Einen „Islam mit europäischem Gesicht” erlebt, wer die Moschee in Penzberg besucht. Und wer dort den Imam Benjamin Idriz oder den Vorsteher der Islamischen Gemeinde, Bayram Yerli, und seine Frau kennen lernt, die jederzeit gerne die architektonischen und geistigen Besonderheiten des Islamischen Forums erläutern. Man reibt sich danach die Augen über öffentliche Debatten „aller Art”, die die Gefahren des Islam oder die Integrationsunfähigkeit der Muslime beschwören. So saß man etwa beim Iftar, dem gemeinsamen Abendessen zum Fastenbrechen des Monats Ramadan, im September dieses Jahres einträchtig und fröhlich im Festsaal zusammen mit Jung und Alt aus der Gemeinde. Zugegen waren auch die Integrationsbeauftragten der Katholischen und der Evangelischen Kirche in Bayern, Repräsentanten der Eugen Biser-Stiftung, der Freunde Abrahams – eines an der LMU angesiedelten Vereins, der seit Jahren für Jüdisch-Christlich-Muslimische Verständigung eintritt -, mit dem Bürgermeister der Stadt Penzberg und dem amerikanischen Generalkonsul. In ihren Statements hatten die Ehrengäste allen Anlass, sich über den Verfassungsschutz des Freistaates zu wundern bzw. zu ärgern, der das lebendige Beispiel für Toleranz und friedliches Zusammenleben aller Bürger in Penzberg nicht zu würdigen weiß.

Vor kurzem erschien nun das Buch mit dem Titel „Islam mit europäischem Gesicht. Perspektiven und Impulse”, worin drei maßgebliche Autoren nicht nur das Penzberger Modell beschreiben; der Verlag gibt dem Buch die folgende Beschreibung mit:

„Die Integrationsfrage ist zum Dauerthema geworden und fordert neue Antworten jenseits von Stereotypen. Am Modell der bosnischen Muslime, die schon lange einen in Europa beheimateten Islam leben, setzen sich christliche und islamische Autoren mit Strukturen und Traditionen, aber auch mit dem Ruf nach Wandel und Weiterentwicklung des Islam auseinander. Dabei zeigen sie nicht nur praxisrelevante Perspektiven für das Zusammenleben auf, sondern wagen sich auch an die Frage der staats- und gesellschaftspolitischen Bedeutung des Islam”.

Die Autoren:  Dipl.-Theol. Benjamin Idriz, geb. 1972 in Skopje, Gymnasium in Damaskus, Studium an der Europäischen Fakultät für Islamische Studien (IESH, Château Chinon, Frankreich), Magister in Islamischer Theologie an der Al-Ouzai-Universität Beirut, seit 1995 Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg;   Dr. Stephan Leimgruber, Professor für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität München;   Stefan Jakob Wimmer, Ph.D. (Hebräische Universität Jerusalem), seit 1998 wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl Altes Testament der Katholisch-Theologischen Fakultät und seit 1999 zusätzlich am Institut für Ägyptologie der Ludwig-Maximilians-Universität München; er ist Zweiter Vorsitzender der Freunde Abrahams e.V., München.

Bei BRILL ist nun der Band 27 von Muqarnas, das von Gülrü Necipoglu herausgegebene Annual on the Visiual Cultures of the Islamic World erschienen. Es wird gesponsert vom Aga Khan Program for Islamic Architecture at Harvard University and the Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, Massachusetts.

Die Autoren, unter denen sich mit Julia Gonella wiederum ein Mitglied unserer Gesellschaft befindet, machen neugierig:  Ebba Koch, Elizabeth Lambourn, Elias Muhanna, Rina Avner, Kathryn Moore, Alicia Walker, Todd Willmert, Julia Gonnella, Zeynep Ertug, Jere Bacharach, Persis Berlekamp, Heike Franke, Vincenza Garofalo und Fabrizio Agnello. Man kann gespannt sein auf 27 Beiträge, u.a. Spolia in medieval Islamic architecture, Islamic coinage in the seventh century, the architecture of the Alhambra from an environmental perspective sowie Ottoman–Mamluk gift exchange in the fifteenth century. The volume also features a new section, entitled “Notes and Sources”, with pieces highlighting primary sources such as Akbar’s Kathasaritsagara.

  1. Barbara Hein Ich weiß genau, was da passiert. Kinder erklären Kunst, Belser Verlag Stuttgart 2010, 48 S., 45 farb. Abb., Hardcover, ISBN 978-3-7630-2570, 14,95 Euro
  2. Helga Rebhan (Hrsg.) Die Wunder der Schöpfung. The Wonders of Creation, Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek aus dem islamischen Kulturkreis, Harrassowitz Verlag Wiesbaden 2010, 240 S., reich farbig bebildert, Klappenbroschur, ISBN Ausstellungsausgabe 978-3-88008-005-8, 24,00 Euro (plus Porto bei Online-Bestellung in der BSB);  Buchhandelsausgabe (gebunden) 978-3-447-6197-1, 39,80 Euro
  3. Hartmut Bobzin Der Koran. Aus dem Arabischen neu übertragen, unter Mitarbeit von Katharina Bobzin, Verlag C.H.Beck München 2010, 831 S., 121 Kalligraphien von Shahid Alam, ISBN: Leinenausgabe 978-3-406-58044-4, 38 Euro; Lederausgabe … -58799-3, 148 Euro; Vorzugsausgabe … -59600-1, 298 Euro
  4. Benjamin Idriz, Stephan Leimgruber, Stefan Jakob Wimmer Islam mit europäischem Gesicht. Perspektiven und Impulse, Verlag Butzon & Bercker Kevelaer 2010, 275 S., gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-7666-1397-4, 17,90 Euro
  5. Gülrü Necipoglu Muqarnas Band 27, BRILL Leiden 2010, VI,450 S., zahlreiche s/w und farb. Abb., Leinen mit Schutzumschlag, ISBN 978-90-04-185111, 59 Euro

(WJPich)