Ausstellung mit Bildern von Elisabeth Rößler

Artikel vom 21. Juli 2012 zuletzt geändert am 24. Februar 2013

Elisabeth Rößler: Aufbruch. Bilder zur Kunst islamisch geprägter Kulturen. St. Egidien, Egidienberg, 90403 Nürnberg. Beendet am 15. September 2012.

Aufbruch. Bilder zur Kunst islamisch geprägter Kulturen

“Die ästhetische Formensprache der Muslime und das historische, islamisch geprägte Ornament sind heute in Deutschland permanenter Kritik ausgesetzt. Der populäre Bezugspunkt ist meist, die sog. „islamische” Kunst sei allein ein religiöses Phänomen mit der Assoziation zu „political pattern”. Dabei wird übersehen, dass sie – anders als christlich-liturgische Kunst – seit ihren Anfängen autonom ist und mehrfache Deutungen zulässt.

Die heutige Ablehnung des „islamischen” Ornaments”, so die Überzeugung von Elisabeth Rößler, “ist auch das Ergebnis einer Sehtradition in Europa, die zur Mitte des 19. Jahrhunderts entstand. Als paradigmatisch kann eines der frühen Sammlungs- und Musterbücher zum Ornament gelten: die 1856 erschienene „Grammar of Ornament” von Owen Jones. Immer wieder aufgelegt, hat dieses Werk bis heute bei seinen Betrachtern die Vorstellungen von einem idealen Ornament geprägt. Doch irritiert die technoide und spätklassizistische Formauffassung des 19. Jahrhunderts den Versuch einer kritischen historischen Würdigung erheblich, da sie zu anhaltenden Klischeebildungen führt wie: die „islamische” Kunst sei starr, rein mathematisch, überladen und dekorativ glatt. Das Ornament als einigendes Band der sonst sehr verschiedenen Kunst islamisch geprägter Kulturen ist hingegen viel lebendiger und mehr als nur eine aufgesetzte Zutat an Bauwerken und Gegenständen.

Zwischen Wasser, Erde, Himmel, 1990, EXCERPTA MALDIVIANA (Privatsammlung)

Als künstlerisch hochreflektierte und autonome Ausdrucksform bot es der Künstlerin neue und ihr aus der europäischen Kunst unbekannte Bildperspektiven. Bei der Auseinandersetzung mit den ornamentalen Formen islamischer Prägung entdeckte sie Unregelmäßigkeiten, Brüche, Fragmentierungen und ein oft höchst individuell wirkendes Ausdrucksvermögen. Gerade mit diesen dem westlichen Blick hier paradox erscheinenden Stilmitteln und durch einen strengen Bezug zu Werken der „islamischen” Kunst versucht ihre künstlerische Reflexion eine Neuinterpretation und Transformation. So werden auch Gebrauchsgegenstände, die wie räumliche Bruchstücke aus Ornamenten wirken, in der erneuten, aus der Gegenwartsperspektive verfolgten Beschäftigung als reflektierte Artefakte erfahren. Die Verflechtung und ein Wechselspiel ästhetischer, säkularer wie religiöser Ebenen wird unter anderem erkennbar an Textildruckstöcken oder an dem sog. „rahle”, einem Buchständer, der im westlichen Verständnis fälschlicherweise auf die Funktion des Koranständers reduziert wird”.

Für die Künstlerin ist die ästhetische Dimension sog. „islamischer” Kunst ein fester Bestandteil des Hier und Jetzt.

Zitate

Aus dem Zyklus Transformationen. Der Koranständer 1996/97 (Privatsammlung)

  • Der Topos vom Ornament als ‚bloßer’ Zutat wird zum gängigen Argumentationsmuster, dessen sich die europäische Ornament-Deutung über weite Strecken ihrer Geschichte bedient. Sie bedenkt nur selten, dass damit ein europäischer Wertmaßstab tradiert und der vorurteilslose Blick auf Außereuropäisches verstellt wird. Frank-Lothar Kroll in: Das Ornament in der Kunsttherorie des 19. Jahrhunderts, Olms-Verlag, 1987/ Schutzumschlag.
  • Der abendländische Betrachter hat große Schwierigkeiten mit der Einschätzung der Ornamentwelt des Orients, oder zumindest sollte er sie empfinden. Viel zu einfach macht er es sich, in ihr nur das inhaltlose, schnell vorbeirauschende Schmeicheln von Tapetenornamenten zu erkennen. Es haben sich einzelne Kunsthistoriker mit Formen und möglichen Aussagen des Ornaments befasst, doch galt es als „angewandte” Kunst für zu niedrig und unbedeutend gegenüber der auf erkennbare Emotionen ausgerichteten abendländischen Bildkunst. Claus-Peter Haase in: Mack/ Transit zwischen Okzident u. Orient, Museum f. Islamische Kunst 2006, S.22.
  • Da der Künstler sich davor hüten muß, Gott nachzuahmen oder sich mit ihm zu messen, wird ihm die Freiheit zuteil, die ihm bekannten Einheiten der Natur nach seinem Gutdünken umzugruppieren, und je willkürlicher und widersinniger diese Umgruppierung ist, desto besser. Oleg Grabar in: Die Entstehung der islamischen Kunst, Köln 1977, S. 27.

Elisabeth Rößler, geboren 1948 in München, Abitur 1967,  Studium von Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste München 1967 – 1973, Staatsexamina – Diplom für Malerei und Grafik,  seit 1975 freischaffende Künstlerin in München, 1987 Sonderpreis für Kunst der Stadt München, 1988 Studienaufenthalt auf den Malediven.

Seither Arbeitsschwerpunkt DIE FREMDE UND DIE EIGENE FORM mit Bildsequenzen und interdisziplinären Projekten zu Fragen der Rezeption von Kunst außereuropäischer Kulturen. Die Malerin lebt in München und ist Mitglied unserer Gesellschaft. Besuchen Sie auch die Website von Elisabeth Rößler mit vielen Bildern aus ihren Ausstellungen — u. a. in der Kuppel der Yenidze in Dresden und im Museum für Islamische Kunst, Berlin; alle zeugen von der außergewöhnlichen künstlerischen Ausdruckskraft von Elisabeth Rößler.