Oh you have really got a little museum!

Artikel vom 25. Oktober 2009 zuletzt geändert am 1. Juli 2016

Annemarie Schimmel hörte diesen Ausruf wohl häufiger, wenn Besucher ihre Wohnung in Bonn betraten – und, wie sie berichtete, sie hörte ihn gern. Doch fügte sie gleich mit Understatement hinzu, sie besitze ja nur ein paar wenige Objekte – speziell islamische Kalligraphien. Islamische Mystik und islamische Kalligraphie – beides Vorlieben Annemarie Schimmels – stehen sich nahe, wie Raphaela Veit in ihrer Besprechung der Privatsammlung unseres Ehrenmitglieds zurecht, und mit Hinweis auf Frau Schimmels eigene Schriften ausführt ¹.

Doppelblatt Koran Irak/Iran 10. Jh.

Doppelblatt Koran Irak/Iran 10. Jh.

Im Testament der großen Orientalistin wurde u.a. das Linden-Museum Stuttgart bedacht. Dort befindet sich nun praktisch ihre vollzählige Sammlung von ca. hundert Kalligraphien auf Pergament, Papier und Stoff. Alle wichtigen Schriftstile aus der Zeit von 800 bis 2000, von Indien bis Marokko, sind vertreten. Etwa zwei Drittel stammen aus dem 20. und beginnenden 21. Jh. Frau Schimmel erhielt die Kalligraphien häufig als Geschenk, erwarb aber, vornehmlich während ihres Aufenthaltes in Harvard, auch selbst planmäßig vor allem ältere Stücke (9.-19. Jh.), z.B. aus der Privatsammlung Adrienne Minassian.

Kalligraphie Shams Anwari-Alhosseyni

Shams Anwari-Alhosseyni

Da Annemarie Schimmel mit vielen zeitgenössischen Kalligraphen der Islamischen Welt befreundet war, empfing sie auch einige sehr persönliche Dedikationen. So formte etwa der aus Iran stammende Shams Anwari-Alhosseyni ihren Namen in arabischer Schrift zum Bild einer Katze, die Frau Schimmel besonders liebte und über deren Rolle im Sufismus sie mehrfach geschrieben hat ².
Das Schmuckblatt des türkischen Architekten und Kalligraphen Ümran Tezcan-Schelling zeigt, dass sie auch modernste Gestaltungsformen schätzte.

Kalligraphie Ümran Tezcan-Schelling

Ümran Tezcan-Schelling

Alle Abbildungen zeigen Kalligraphien, die Annemarie Schimmel in einer kurzen Beschreibung ihrer Sammlung in englischer Sprache (9/2002) besonders hervorgehoben hat. Das Papier (im Anschluss an den Text von Frau Veit im Original wiedergegeben) befindet sich in ihrem wissenschaftlichen Nachlass, den die Universitätsbibliothek Basel verwahrt. Eine deutsche Übersetzung von Annette Hagedorn erschien in „Islamische Kunst in Deutschland“, Mainz 2004, S. 191 f. (dort auch Abbildung des Korandoppelblatts in Farbe). (WJP)

¹ Dr. Raphaela Veit (Tübingen) „1200 Jahre islamische Kalligraphie: Die Privatsammlung von Annemarie Schimmel“ in TRIBUS, Jahrbuch des Linden-Museums, Staatliches Museum für Völkerkunde Stuttgart, Band 53 – 2004, SS.153-174, 17 farb. Abbildungen. Annemarie Schimmel zur Islamischen Kalligraphie (u.a.): ISLAMIC CALLIGRAPHY, Iconography of Religions XXII,1, Leiden 1970; CALLIGRAPHY and ISLAMIC CULTURE, New York/London 1984.
² (u.a.): Annemarie Schimmel „Die orientalische Katze“, Köln 1983.