Ein Koran aus Singapur

Artikel vom 12. Mai 2016 zuletzt geändert am 18. Mai 2016

Aus Anlass des im vorigen Jahr begangenen 50-jährigen Jubiläums der Unabhängigkeit des Staates sind in der National Library Singapore noch bis zum 28. August 2016 über hundert Objekte aus den Beständen des Hauses zu sehen, die zum 11 000 Objekte zählenden Bestand der Rara gehören. Es handelt sich um Bücher aller Wissensgebiete (vornehmlich jedoch Geschichte, Geographie und „Völkerkunde“), Manuskripte, Briefe, Photographien, Landkarten und Zeitungen, die den Sammlungsauftrag des Hauses widerspiegeln, das der Historie der Insel an der Südspitze Malaysias verpflichtet ist.

Diese Aufgabe wird von der über eine halbe Million Medien umfassenden „Lee Kong Chian Reference Library“ wahrgenommen (genannt nach einer Stiftung, die der Bibliothek 60 000 000 S$ zuwandte). Daneben agiert die „Central Public Library“, die als eine der 26 öffentlichen Bibliotheken der Stadt – mit einem Bestand von ca. 200 000 Bänden – unserer Stadtbibliothek vergleichbar ist. Die beiden Institutionen befinden sich, neben dem „Drama Centre“ des National Arts Council mit über 600 Plätzen, seit 2005 in einem sehr großzügigen 16-stöckigen Gebäude an der Victoria Street, das mit Ausnahme der Level 12 und 13 – wo sich die „Rare Materials“ befinden – jedermann frei zugänglich ist; die Ausstellungsräume sind auf Level 10. Stockwerk.

Das älteste Objekt dieser sehr professionell aufgebauten Ausstellung ist ein Malaysisch/Englisches Dictionary aus dem Jahre 1701. Zu den Ursprüngen der heutigen Nationalbibliothek, die letztlich auf die von Singapurer Bürgern am 22. Januar 1845 (also nur 26 Jahre nach der Landung von Raffles !) gegründeten ersten öffentlichen Bibliothek zurückgeht, führen die in den sechziger Jahren des 19. Jh. herausgegebenen Reports of the Singapore Library (1844-52, 1861). Dort sind die Benutzerbedingungen und -Preise dieser für die Öffentlichkeit bestimmten Einrichtung nachzulesen. Zu Werken aus neuerer Zeit gehören z.B. ausgefallene Kochbücher oder Kinderbücher aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts; z.B. das Haji’s Book of Malayen Nursery Rhymes (1) in englischer und malaysischer Sprache von 1939. Spätere  Zeugnisse dokumentieren über die Zeit der in böser Erinnerung behaltenen japanischen Besatzung (1942-45) der Insel von 1946, oder ein Buch mit den ersten Versen in englischer Sprache eines malaysischen Singapurers (1950).
Scan.BMPNatürlich darf ein Exemplar der ältesten Singapurer Zeitung (1833; Singapore Chronicle and Commercial Register) nicht fehlen; wir würden dieses nur wenige Jahre existierende Organ heute als Wirtschaftszeitung bezeichnen. Auch das seit 1845 bis heute – in gewaltigen Umfängen sieben mal in der Woche und recht „regierungstreu“ – erscheinende Blatt The Strait Times ist mit frühen Ausgaben vertreten.

In der recht „bunten Mischung“ von Büchern in allen Sprachen der Region, die in der besonders umfangreichen aktuellen vierten Ausgabe des 11. Bandes des Magazins der Nationalbibliothek biblioasia mit fünfzig Beispielen dokumentiert ist, gibt es auch zwei in Singapur publizierte Werke in arabischer Schrift.
Bei dem einen handelt es sich um ein Periodikum, das in malaysischer Sprache und modifizierter arabischer Schrift von christlichen Missionaren (die seit 1823 die älteste Druckerpresse in Singapore betrieben) herausgegeben wurde. Der ins Englische übersetzte Titel lautet Eye Glass for All Who Seek Knowledge (2). Von diesem seit 1858 prächtig farbig illuminierten, vierteljährlich in lithographischer Technik hergestellten Magazin mit jeweils etwa 100 Seiten, das zu den ältesten malaysischen Periodika überhaupt gehört, besitzt die Nationalbibliothek 7 Exemplare.

 

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Das Kolophon, welches den Namen des Kopisten und des Verlegers beinhaltet und sich auf der letzten Seite des Korans, eingeschlossen in einem Kreis, befindet.

Scan.BMPDas zweite Werk schließlich ist ein ebenfalls zunächst handgeschriebener und lithographisch vervielfältigter, prächtig illuminierter Koran mit 620 Seiten in einem stark abgegriffenen Ledereinband. Das für seine Zeit wegen der dortigen klimatischen Verhältnisse äußerst seltene Exemplar wurde 1869 (nach Kolophon 13th Rajab 1286 AH) in einer kleinen Singapurer Druckerei hergestellt, die sich mit mehreren anderen im heutigen arabischen Viertel Kampong Glam in der Nähe der Sultan Moschee (1824 für damals 3 000£ von der East India Company errichtet) befand.

Die Gegend war, wie in biblioasia zu lesen ist, nicht nur für die heimischen Muslime ein bevorzugter Treffpunkt – wohin sie vor allem wegen des Freitagsgebets kamen -, sondern im 19. Jh. auch eine Zwischenstation für Meccapilger aus dem heutigen Indonesien. Die holländische Regierung für die East Indies versuchte mit Restriktionen die direkte Reise der Pilger nach Mecca zu unterbinden, weil sie angebliche subversive Einflüsse der Rückkehrer befürchtete. Der Spender des Korans, der Historiker und Politologe Dr. Farish Ahmad Noor, erwarb das Buch in Java, wohin es wohl Pilger auf ihrer Rückreise über Singapur mitgebracht hatten; kurios ist, dass der damalige Inhaber der Druckerei aus Java stammte.

Einige Bildbeispiele – auch (1) und (2) – aus der Ausstellung bietet die Seite http://www.nlb.gov.sg/exhibitions/?p=232