Aromata in der iranischen Kultur

Artikel vom 28. August 2010 zuletzt geändert am 23. Februar 2013

Unter besonderer Berücksichtigung der persischen Dichtung.
Die Süddeutschen Zeitung schilderte kürzlich 1) die Entwicklung eines neuen Parfüms mit Hilfe der besten Parfümeure, der ‚Nasen‘, Frankreichs. Zwar hat sich die Herstellungstechnik in den berühmten Parfümzentren, wie etwa Grasse, über die Jahrhunderte bis heute kaum geändert, und Vorläufer der Destillationsgeräte gab es schon im alten Orient, doch ist für die Zusammenstellung der Rezepturen in den kühlen Büros der ‚Nasen‘ zu ihrer dominierenden Kopfarbeit der Computer hinzugekommen.

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Aromata in der iranischen Kultur

Die u.U. Jahre dauernde Entwicklungsarbeit für einen einzigen neuen Duft kann leicht viele Millionen Euro verschlingen – und der Erfolg ist keineswegs immer sicher. Freilich gibt es heute auch noch Klassiker unter den berühmten Parfüms – das älteste, Chanel No.5, ist seit 1921 unverändert am Markt.

Wie die Zeitung berichtet, wünschte sich der japanische Modeschöpfer Issey Miyake zur „Begleitung“ einer neuen Kollektion ein einmaliges, seinem kühlen Mode-Stil angepasstes Parfüm; Miyakes schlichte Vorgabe: der Duft solle „so einfach und leicht sein, wie die Luft die wir atmen“. Die von ihm angesprochene Pariser Firma Beauté Prestige International – auf Modedesign spezialisiert – schreckt solch vage Beschreibung nicht. Sie beauftragte ein halbes Dutzend erfahrene Duftfirmen, deren Parfümeure sich an die Arbeit machten. Nach manchen Korrekturen und Feinabstimmungen präsentierte die erfahrene Firma Firmenich 2) das richtige Aroma; das erfolgreiche Produkt erhielt den englischen Namen „A Scent“ – „Ein Geruch“.

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Chanel No.5, ist seit 1921 unverändert am Markt

Viele der in Mehr Ali Newids Buch notierten Grundstoffe finden sich auch in modernen Parfüms. So wird dem zur „Familie der holzig-pudrigen Phantasiedüfte“ gerechneten Chanel No.5 in seiner Basisnote u.a. Ambra und Moschus beigemischt. Das neue Parfüm von Miyake kommt nicht ohne Galbanum aus, einem duftenden Harz, das auf Persisch allerdings Barzad heißt und an den Südhängen des Alborzgebirges beheimatet war. Es wurde im Orient hauptsächlich als Droge in der Medizin verwendet. Die glückliche Parfümeurin von „A Scent“ umgab den von ihr gewählten Grundbaustein Galbanum noch mit zwei Sorten Jasminduft, Eisenkraut, der Essenz von Zedernholz, künstlichem Moos- und ein wenig Hyazintenduft.

Nun will aber Newids Buch weder die Chemie der heutigen Parfümeure beschreiben, noch ihnen Rezepte liefern. Sein Buch ist vielmehr das Ergebnis einer minutiösen Fahndung nach literarischen Quellen in der persischen Literatur, wo die Herkunft, Anwendung und metaphorische Verwendung der Aromata aufleuchten.

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Aromata in der iranischen Kultur. Unter besonderer Berücksichtigung der persischen Dichtung

Wie der Autor in der Einführung schreibt, verwendet er bewusst nicht die Bezeichnung „Parfüm“ oder „Duft“, sondern das aus dem Griechischen stammende Wort „Aromata“, „da dies im Kontext der untersuchten Quellen dem vielschichtigen Gebrauch von wohlriechenden Substanzen am besten gerecht wird“. Diese Substanzen werden von ihm zunächst grob sortiert in Duftstoffe tierischer und pflanzlicher Herkunft sowie gemischter Düfte in Gestalt von Salben, Pastillen oder Pulver. Abschließend werden die aromatischen Harze wie Weihrauch und Myrrhe sowie Öle, Balsame und Mannas (vereinfacht gesagt, von Blättern abgesonderte, klebrige Stoffe) vorgestellt. Insgesamt sind es rund drei Dutzend Grundstoffe, deren wichtigste man vielleicht dem Namen nach kennt (z.B. Ambra, Kampfer, Moschus, Rosenwasser, Safran, Sandelholz, Aloeholz), doch welche weit reichende Bedeutung sie einmal hatten, wird erst nach der Lektüre des Buches richtig klar. Eine Reihe von Duftstoffen pflanzlicher Herkunft und einige Harze werden vom Autor nicht erwähnt, weil sie in persischen Quellen nicht vorkommen.

Gemeinsam ist den meisten, dass edler Wohlgeruch schon immer auch eine Frage des großen Geldes war. Ihre Grundstoffe wurden teils mit Gold aufgewogen und waren in natura vornehmlich den Zeremonienmeistern in Staat und Kult oder den Herrschenden, ob als „Lock- und Verführungsmittel, wie auch als Mittel zur sexuellen Stimulation und als Aphrodisiakum“ zugänglich. Die Dichter dagegen machten davon vielfachen Gebrauch in Worten.

Im Loblied auf den Herrscher oder die/den geliebte(n) Schöne(n), deren „ambraduftendes Haar“ dem Liebenden „Flammen aus dem Leibe treibt“, wurden immer wieder Aromata im Vergleich mit den besonderen Qualitäten der Person herangezogen. Selbst der Koran macht davon Gebrauch, wenn der Wein des Paradieses mit „Kampfer gewürzt“ oder mit „Moschus versiegelt“ wird.

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Edler Wohlgeruch war schon immer auch eine Frage des großen Geldes

Die in der Literatur entdeckten Merkmale der einzelnen Duftstoffe werden vom Autor nach einem einheitlichen Schema sortiert, beginnend mit ihrer Beschaffenheit und Herkunft. Newid widmet sich dann besonders ausführlich der Frage, wie Aromata in der Dichtung als Metapher verwendet wurden und zitiert jeweils wörtlich – meist eigens vom Autor ins Deutsche übersetzt – die Literatur-Stellen.

Er findet die Beispiele vornehmlich in der Hochliteratur der berühmten persischen Dichter wie Ferdawsi, Hafez oder Nezami. Newid ist da als Sprachkundiger in seinem eigentlichen Element. So wie er sich kürzlich des Neupersischen (seit dem 9. Jh.) annahm und ein „Persisches Lesebuch“ 3) mit einer Fülle von Originaltexten vorlegte, die die Entwicklung dieser Sprache in ihren verschiedenen Facetten bis in unsere Zeit dokumentieren.

In den folgenden „Untertiteln“ wird – soweit Quellen existieren – die Verwendung der Duftstoffe in Riten aller Art (religiöse, Hochzeit, Bestattung etc.), in den Hofsitten, als Beute, königliche Geschenke, im Bauwesen (wenn in Palästen Sandel- und Aloeholz wegen ihres Duftes bevorzugt wurden), in der Kosmetik usw. behandelt. Einige Aromata spielen auch als Zutaten in der Kochkunst eine Rolle; die Grenze zwischen Geruchs- und Geschmackssinn 4) ist bekanntlich fließend. Ob man jedoch heute noch mit einem Gericht aus Zitrusfrucht, zerkleinertem Ambra (ein im Darm des – kranken – Pottwals gebildetes Sekret) und Aloeholz, scharfem Käse, frischen Datteln, scharfem Essig und frittierten Datteln bei seinen Gästen große Zustimmung fände, müsste die Probe aufs Exempel erweisen.

Marokk. Haarschmuck für Frauen, Hohlräume für duftgetränkte Stoffe

Marokk. Haarschmuck für Frauen, Hohlräume für duftgetränkte Stoffe

In ‚Aromata‘ kommt die duftgeschwängerte Sammlung Alf Layla wa-Layla nur am Rande vor, da sie nicht zur persischen Literatur, sondern zu den arabischen Volkserzählungen, zählt. Der Autor hat arabische Quellen überhaupt nur zur Klärung offener Fragen, z.B. zu Herkunft, Beschreibung, Herstellungsmethoden usw., herangezogen. Die Erzählungen aus Tausendundeine Nacht sieht er zwar als Quelle, in der sicherlich einige der im vorliegenden Werk nicht erwähnten Duftstoffe vorkommen, sie bedürfte jedoch einer eigenen Bearbeitung.

Das in 10-jähriger Arbeit entstandene Buch erinnert in seiner ungewöhnlichen Stofffülle, den zahllosen Verweisen, gestützt auf ca. 2 500 Fußnoten, vor allem jedoch in seiner klaren Gliederung fast an einen Gesetzeskommentar, der sich in Paragraphen, Absätze und Sätze gliedert; sein Detailreichtum ist immer wieder staunenswert.

„Der Newid“ ist primär als Lexikon nutzbar. Doch führt das Buch den Leser bei fortgesetzter Lektüre ebenso lebendig durch die zweitausendjährige Geschichte und viele Besonderheiten des iranischen Kulturkreises. Die Zitate aus hunderten literarischen Quellen beginnen im Großreich der Achämeniden (550-350 v.Chr.) und enden bei den Safawiden (ca. 1501-1722). Einführung und Schlussbemerkungen in Newids Buch bestimmen exakt den Rahmen dieses ersten Versuchs, „einer bisher kaum erforschten Bedeutung von Aromata für den iranischen Kulturkreis über längere geschichtliche Zeiträume nachzugehen, sie unter systematischen Gesichtspunkten zu erschließen und in einer am lexikalischen System orientierten zusammenfassenden Darstellung vorzulegen“.

Silbernes Räuchergefäß, N/NW Afghanistan, 19./20.Jh.

Silbernes Räuchergefäß, N/NW Afghanistan, 19./20.Jh.

Newid resümiert, dass Duftstoffe tierischer Herkunft in der persischen Dichtung am häufigsten vertreten sind; ein Drittel der Arbeit befasst sich allein mit Moschus und Ambra, für deren Herkunft es in alter Zeit abenteuerliche Vermutungen gab. Die Duftstoffe pflanzlicher Herkunft sind zwar zahlreicher vertreten, doch ist das dazu gesammelte Material weniger umfangreich. Insbesondere für die Harze gilt, dass sie in vorislamischer Zeit eher dem Kult dienten, in islamischer Zeit dagegen von einer breiten Öffentlichkeit genutzt werden.

Davon zeugen nicht zuletzt die zahlreichen Räuchergefäße, die das islamische Kunsthandwerk hervorgebracht hat. Newid gibt einige Beispiele solcher Gefäße im Abbildungsteil. Sie stammen sowohl aus schwer zugänglichen Museen wie aus eigenem Bestand. Es gibt ferner Abbildungen aromata-spendender Tiere und Pflanzen, einiger Duftstoffe sowie von iranischen Felsbildern mit Audienzszenen, bei denen Räucherständer verwendet wurden. Einige Parfüm- und Rosenwasser-Zerstäuber runden das Bild ab.

Im Anhang wird der Inhalt des Buches durch ein Abkürzungsverzeichnis, das in drei Abteilungen gegliederte, 25-seitige Literaturverzeichnis (Lexika, Primärquellen <Texte>, Sekundärquellen), ein Sachregister und das Register der Namen und Werke plausibel erschlossen.

Erwähnt sei noch, dass eine wissenschaftliche Untersuchung hohen qualitativen Ansprüchen genügen muss, um in die Reihe Iran – Turan aufgenommen zu werden. Verantwortlich hierfür zeichnen die Herausgeber, die Professoren Ingeborg Baldauf (Humboldt Universität Berlin) und Bert G. Fragner (Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; früher Universität Bamberg). Das bedeutet allerdings nicht, dass das Buch sich lediglich an ein Fachpublikum richtet, auch der interessierte Laie wird es mit Gewinn und Genuss lesen – und vielleicht ist es sogar für die ‚Nasen‘ interessant!

Mehr Ali Newid Aromata in der iranischen Kultur. Unter besonderer Berücksichtigung der persischen Dichtung. Band 11 der Reihe IRAN-TURAN, Reichert Verlag Wiesbaden 2010, 351 Seiten, 88 überw. farb. Abbildungen. ISBN 978-3-89500-680-7, 79 €.

Palast des Xerxes, Persepolis, vorderer Diener mit Salbgefäß und Handtuch

Palast des Xerxes, Persepolis, vorderer Diener mit Salbgefäß und Handtuch

1) Blumenkinder, Stefan Ulrich in Süddeutsche Zeitung Nr. 185 vom 13. August 2010, Seite 3.

2) „Firmenich is the world‘ largest privately-owned company (No.2 worldwide) in the fragrance and flavor business. Founded in Geneva, Switzerland, in 1895, it has created many of the world‘ best-known perfumes and flavors that we enjoy eachday. Its passion for smell and taste is at the heart of its success. It is renowned for its creativity and innovation, as well as its exceptional understanding of consumer trends“ (Website Firmenich).

3) Mehr Ali Newid und Peter-Arnold Mumm, Persisches Lesebuch. Farsi, Dari, Tojiki – Originaltexte aus zehn Jahrhunderten mit Kommentar und Glossar, Reichert Verlag Wiesbaden 2007, 420 Seiten mit Audio-CD, ISBN 978-3-89500-575-6, 59 €.

4) Davon zeugt u.a. noch bis zum 10. Oktober 2010 die Ausstellung im Rosenheimer Lokschuppen Gewürze. Sinnlicher Genuss. Lebendige Geschichte. „Für die spanischen Eroberer waren sie „das grüne Gold“, für die Araber der „Duft des Paradieses“, www.gewuerze-ausstellung.de

Dr. phil. Mehr Ali Newid, Autor, Lehrbeauftragter für Persische Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), München, ist in Afghanistan, nahe der Grenze zum Iran, geboren. Er studierte zunächst an der Aristoteles Universität in Thessaloniki Klassische Archäologie, Philologie, Byzantinistik, Philosophie und Kunstgeschichte, danach an der LMU Indologie und Iranistik. Er wurde dort mit einer Arbeit im Fachgebiet Buddhismus promoviert. Es folgten Lehre und Forschung am Institut für Indologie und Iranistik. Newid arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Staatlichen Museum für Völkerkunde, den staatlichen Antikensammlungen und der Glyptothek, alle München; er ist seit einigen Jahren Zweiter Vorsitzender unserer Gesellschaft.

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Persisches Lesebuch

Publikationen (Auswahl): Waffen und Rüstungen im alten Indien (1987); AK Kunst des Buddhismus entlang der Seidenstrasse (mit Richtsfeld/Ono, München 1992); Faszination Tibet (München 1998); Der Schiitische Islam in Bildern. Rituale und Heilige (München 2006) sowie zuletzt das unter 3) in den Anmerkungen erwähnte Persische Lesebuch.

Für das Persische Lesebuch – und das gilt teilweise auch für die in Aromata zitierten Texte – erscheint noch die folgende Erläuterung aus dem kommentierten Vorlesungsverzeichnis der LMU interessant: „Mit dem Begriff „Neupersisch“ wird die Sprache bezeichnet, welche in der islamischen Zeit im iranischen und iranisch beeinflussten Raum entstanden ist. Ihre Literatur umfasst nicht nur Gedichte, sondern auch historische, geographische, medizinische, theologische, philosophische und erzählende Texte. Ohne Zweifel bildet die Dichtung die Perle der neupersischen Literatur, welche u.a. epische, panegyrische, mystische, didaktische und satirische Formen aufweist“. (WJPich)