Gold auf Lapislazuli

Artikel vom 15. Oktober 2009 zuletzt geändert am 28. Februar 2013

Siehe meine Freundin, du bist schön, siehe, schön bist du
Diese im Hohelied dreimal wiederholte Preisung der Geliebten – hier in der Übersetzung Martin Luthers – kann man zwanglos auf die Poesie selbst als eine wahre Tochter der Liebe anwenden. Wenn Claudia Ott – die wohlbekannte und erfolgreiche Übersetzerin von Tausendundeine Nacht – nun in einem schmalen Band Die 1oo schönsten Liebesgedichte des Orients versammelt, darf darin das Hohe Lied Salomos ebenso wenig fehlen wie Lyrik aus den Nächten, moderne arabische Dichter (etwa Amal al-Jubouri, geb. 1967) in Otts eigenen Übersetzungen.

Gold auf Lapislazuli. Die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients

Gold auf Lapislazuli. Die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients

Dazwischen hört man eine große Vielfalt bekannter und unbekannter, zarter und kräftiger, anrührender und nüchterner Stimmen von Menschen, die ihrer überwältigenden Gefühle wohl nur durch Poesie Herr werden konnten. In welchen Facetten gerade die Liebeslyrik des Orients von Iran bis Al Andalus erstrahlt, indem sie – teils doppeldeutig – die Liebe zu Gott, den geliebten Freund oder die Geliebte beschreibt, welchen Einfluss – bis hin zum Minnelied – auch hier der Orient auf den Okzident hatte, welchen Veränderungen Versformen im Lauf der Zeit unterlagen, und manches mehr beschreibt Frau Ott in einem sehr kompakten, aber inhaltsreichen Nachwort. Im kurzen Vorwort hingegen, werden Auswahlkriterien für den naturgemäß nur kleinen Ausschnitt aus der morgenländischen Weltliteratur besprochen. Zu jedem einzeln nummerierten Text gibt es umfangreiche Erläuterungen und Quellenangaben.

Wenn in Nummer 31 sieben – leider nur winzige – Ausschnitte aus den zahlreichen Übersetzungen des Hohen Liedes von Luther über Goethe bis Hausmann (Reichert ¹ fehlt) aufgereiht werden, dienen sie Claudia Ott auch der Verdeutlichung der Problematik von Übersetzungen, die dem eigenen großen Gefühl den Vorrang vor der Wörtlichkeit geben; das führt zum Teil zu erstaunlichen Texterweiterungen. Wäre der Band um ein vielfaches umfangreicher, hätte man sich an dieser Stelle noch extreme Beispiele aus dem ebenfalls bei Beck (1906) erschienenen Büchlein von Will Vesper vorstellen können, der „Das Hohelied Salomonis in dreiundvierzig Minneliedern“ transformierte.

So aber ist in kluger Beschränkung ein wunderschönes Buch entstanden, das sich als Zeichen besonderer Zuneigung jederzeit verschenken lässt. Um im „Umfeld“ der Liebe noch einmal auf das glühende Hohelied zu kommen, wird man wohl nicht – wie Hartmut Schmökel ² – daran denken, dass es sich dabei um einen aus dem babylonischen Tammuz-Ishtar Kult zur Heiligen Hochzeit abgeleiteten Text handeln könnte!

¹ Das Hohelied Salomos. Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Klaus Reichert, dtv München 1998.
² Hartmut Schmökel, Heilige Hochzeit und Hoheslied, Abhandlungen für die Kenntnis des Morgenlandes XXXII,1, Steiner Wiesbaden 1956

Gold auf Lapislazuli. Die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients. Ausgewählt und erläutert von Claudia Ott, C.H.Beck München 2008 (in der Reihe der Neue Orientalische Bibliothek), 157 S., Ln, SU, Lesebändchen, ISBN 978 3 406 57699 0.