Joachim Satorius: Zwischen Berlin und Beirut

Artikel vom 2. April 2013

„Autoren aus Deutschland treffen Kollegen in Ländern des Nahen Ostens, dann kommen diese zum Gegenbesuch nach Deutschland, und aus den wechselseitigen Erfahrungen entsteht Literatur: Ein West-östlicher Diwan.“

Mit Beiträgen von Ulrike Draesner, Abdallah Zrika, Martin Mosebach, Abbas Beydoun, Ulrich Peltzer, Shahriar Mandanipour, Albert Ostermaier, Gamal al-Ghitani, Ingo Schulze, Qassim Haddad, Guy Helminger, Ilija Trojanow, Moritz Rinke, Maria Bodrožić, Miral al-Tahawi, Michael Kleeberg, Rashid al-Daif, Joachim Helfer, Amir Hassan Cheheltan

Joachim Satorius: Zwischen Berlin und Beirut

Joachim Satorius: Zwischen Berlin und Beirut

Die Idee zu dem Austauschkonzept „West-östlicher Diwan“ wurde im Jahr 2002 am Wissenschaftskolleg zu Berlin im Arbeitskreis „Islam und Moderne“ entwickelt. Die Anthologie versammelt Erlebnisse von neunzehn Autorinnen und Autoren aus fünf Jahren interkultureller Begegnungen zwischen Deutschland und Städten wie Bahrain, Beirut, Istanbul, Kairo, Teheran und anderen. Der Herausgeber verfügt über bemerkenswerte Kenntnisse der islamischen Welt; dies verwundert nicht, ist der geborene Fürther Joachim Sartorius — aufgrund des Diplomatenberufs seines Vaters — aufgewachsen in Tunis und in späteren Jahren im diplomaten Dienst u. a. in Ankara tätig.

Deutsche Schriftsteller kommen mit Autoren aus dem Nahen und Mittleren Osten in islamischen Ländern und in Deutschland zusammen. Sie schildern ihre vielseitigen Erlebnisse in Reportagen und Erzählungen. Dabei überwinden sie ihre kulturellen Grenzen; ein intensiver Dialog findet statt. Dieser faszinierende Austausch lässt eine großartige Literatur entstehen. Die Überwindung der kulturellen Unterschiede und zugleich die ergreifenden Begegnungen mit dem Fremden schaffen, in einem Prozess des sich gegenseitigen Erkennens, beeindruckende Texte. Überdies evozieren die Autoren beim Leser nicht nur Sympathie, Einfühlungsvermögen und Annäherung, sondern sie reflektieren auch die Ratlosigkeit, Missverständnisse und Konflikte innerhalb der verschiedenen Gesellschaften.

Z. B. ist Marokko, der „Okzident des Orients und Orient des Okzidents“  — so Ulrike Draesner — das Land, das unzählige Touristen mit seiner ergreifenden Kultur und Schönheit lockt, gleichzeitig das Land, in dem es für Einheimische schwer ist, für eine Auslandsreise ein Visum zu bekommen: Ausdruck einer Furcht der Politik, dass zu viele Bürger das Land endgültig verlassen könnten? Fundamentalisten, Analphabetismus, nicht endende Armut und die Verlogenheit der Gesellschaft, so Ulrike Draesner in der Schilderung ihrer Erfahrungen in Casablanca, prägen das Bild Marokkos im selben Maße wie die faszinierende Kulturgeschichte mit ihren Städten und Menschen.

Das uns vermeintlich so bekannte Berlin erscheint, gesehen durch die Augen Abdallah Zrikas in seiner Erzählung „Berliner Schafe“, andersartig und neu: er zeichnet dem Leser ein melancholisches Bild der dynamischen Hauptstadt auf so poetische Weise, dass es tief berührt.

Die außerordentlichen Texte sind voller literarischer Stärke und Dichte, gleichzeitig setzen sich die Autoren schonungslos offen und ehrlich mit den unterschiedlichen Realitäten auseinander, wie beispielsweise die von Martin Mosebach beschriebene spannungsreiche Koexistenz von koptischen Christen und sunnitischen Muslimen in Ägypten.

In jedem Fall kann die vorliegende Sammlung von Reportagen, Dialogen und Gedichten den Leser anregen, sich selbst im Anderen zu erkennen, die kulturelle Fremdheit zu überwinden und helfen, Weltoffenheit und Neugier zu entwickeln, für das Eigene gleichermaßen wie für das Fremde: Ein wahrer west-östlicher Diwan.

Giulia Friedrich

Joachim Sartorius (Hrsg.): Zwischen Berlin und Beirut. West-östliche Geschichten. Mit einem Vorwort von Navid Kermani, München C. H. Beck 2007, 288 S., Leinen, ISBN 978-3-406-56368-3, statt 24,90 € jetzt nur noch 9,95 €.