Moscheen in Deutschland

Artikel vom 25. Oktober 2009 zuletzt geändert am 2. April 2013

Der Neubau von Moscheen gehört zu den Reizthemen in den deutschen Medien, nicht – wie ich meine – der deutschen Gesellschaft, da vornehmlich die teils echte, teils gespielte Erregung einer Minderheit kolportiert wird. In Deutschland besteht nämlich ein Grundkonsens, dass jeder Religionsgemeinschaft ein Recht auf würdige Andachtsstätten zusteht. “Widerstände“ entstehen aus Befindlichkeiten mit nachgeordneten Ursachen.

Im Vorwort eines Buches¹, das von der Herbert Quandt-Stiftung gefördert wurde, liest man dagegen zunächst – durchaus medienkonform – etwas anderes: „Vom Rand- zum Megathema, aus den Hinterhöfen an repräsentative Orte: Moscheebau und Moscheebaukonflikte beschäftigen die deutsche Öffentlichkeit ungewöhnlich intensiv“.
Doch dann wird festgestellt, dass sich die deutsche Gesellschaft, ebenso wie unsere Nachbarn, schrittweise an den noch unvertrauten – doch „nun sichtbareren Islam“ – gewöhnen müsse. Der Band soll dazu einen Beitrag leisten.

Das Buch ist zwar kompakt und „nur“ ein Taschenbuch, jedoch ungewöhnlich informativ und vollständig. Wie eine Aufzählung der Kapitel in Stichworten andeutet, enthält es in zwei Hauptteilen alles, was der Normalbürger zu diesem Thema wissen sollte:

  • Quasi als Einleitung: „Geschichte der Moscheen in Deutschland“ mit kurzem Ausblick auf Europa sowie orientalisierende Architektur, die nur das Äußere einer Moschee wiedergibt (z.B. Yenidze/Dresden, Persius Pumpwerk/Potsdam); „Hinterhofmoscheen“; „Neue Moscheebauten“ – einige (von 2600) in Deutschland, u.a. Penzberg; „Moscheen im Orient und ihre Funktionen“, „Alltag in der Moschee“.
  • Im kaum umfangreicheren Hauptteil geht es um „Moscheekonflikte als Lehrstücke“; einige exemplarische Fallbeispiele: Essen, Hessen (vor allem Frankfurt), Köln, München und Berlin. Mit einem Fazit, das die wichtigen Gemeinsamkeiten der Einzelfälle mit Lokalkolorit , nämlich die der „Akteurkonstellationen“, analysiert, werden dann unter „Formgebungen“ die „Tücken der Verrechtlichung“, die Religionspolitik und Themen der Mediation angesprochen.
  • Abschließend gibt es Handlungsempfehlungen: Der bessere Weg zur Moschee.

Zwei Autoren haben sich die Bearbeitung der Kapitel geteilt:

  • Bärbel Beinhauser-Köhler ist Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Frankfurt; sie zeichnet für den ersten Teil verantwortlich.
  • Claus Leggewie, der sich mit dem zweiten Hauptteil beschäftigt, leitet das Kulturwissenschaftliche Institut Essen und ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Gießen.
Moscheen in Deutschland

Moscheen in Deutschland

Zwischen den beiden Teilen gibt es noch einen besonders wichtigen Beitrag. Der Architekt des Islamischen Forums Penzberg (2007), dessen Moschee ein buchstäblich leuchtendes Beispiel für moderne Islamische Architektur in Deutschland ist, stellt unter der Überschrift „Anders! Das Islamische Forum in Penzberg. Meine Erfahrungen als Architekt einer Moschee“ nicht nur den Bau, sondern auch seine beispielhafte Baugeschichte vor. Alen Jasarevic, junger Inhaber eines Architekturbüros in Augsburg, Muslim bosnischer Abstammung, hatte bereits beim Symposium des Werkbund Bayern in München im Januar 2009 „Kirchen Synagogen Moscheen – Religionen und ihre Räume in unserer Gesellschaft“ in Anwesenheit hochrangiger Wissenschaftler und Architekten große Anerkennung für seinen Bau erhalten. Längst ist das Penzberger Zentrum mit seinem Anspruch größtmöglicher Offenheit das Ziel von „Architekturwallfahrten“ und Politikern geworden. Unsere Gesellschaft wird noch in diesem Jahr eine Exkursion nach Penzberg anbieten.

Ein zweites Buch² mit dem gleichen Haupttitel erschien ebenfalls im Frühjahr 2009 als Begleitband einer Ausstellung in verschiedenen deutschen und – mit Unterstützung des Goethe Instituts – demnächst auch in einigen ausländischen Städten. Zwar entstand die Ausstellung im Rahmen einer Tagung des Kulturwissenschaftlichen Instituts, doch handelt es sich eher um ein Bilderbuch mit großformatigen Fotos von deutschen Moscheen (u.a. Penzberg) und dem Leben darin und darum herum. Das Buch will weder einen Gesamtüberblick zum Thema Moschee geben, noch sich im Einzelnen mit der Problematik neuer Moscheebauten beschäftigen. (WJP)

¹ B.Beinhauer-Köhler, C.Leggewie Moscheen in Deutschland. Religiöse Heimat und gesellschaftliche Herausforderung, C.H.Beck München 2009 (beck’sche reihe Nr. 1892), 240 S., 46 meist farbige Abb. im Text, broschiert, ISBN 978-3- 406-58423-7, 12,95 €.
² Moscheen in Deutschland/Mosques in Germany, Wasmuth Tübingen 2009, 132 S., 95 farbige Abb., Texte (deutsch/englisch) von W. Dechau (auch alle Fotos), R. Flöge, L. Kaddor, C. Leggewie, Ch.Welzbacher, kartoniert, ISBN 978-3-8030-0702-5, 24.80 €.