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Übersicht «Buchbesprechungen»
Artikel vom Samstag, 26. Dezember 2009 in Rubrik Buchbesprechungen
Sehwan Scharif ist heute eine Stadt mit 40.000 bis 50 000 Einwohnern in der Provinz Sindh, Pakistan, am westlichen Ufer der Flusslandschaft des Indus, etwa 100 km nördlich von Hyderabad. Etwa gleich weit nördlich liegt die Wiege der Induskultur, Mohenjo-Daro.
Der Name der Stadt leitet sich von einem uralten hinduistischen Shiva Heiligtum (Sehwan = Shivistan)1) ab, wovon heute noch ein heiliger Stein, ein Shiva Lingnam erhalten ist. Wohl Anfang des 13. Jh. lässt sich hier ein in Marwand (Iran) geborener und 1274 in Sehwan gestorbener berauschter Mystiker nieder, der strengste Askese übt. Er gehört zu der im ostiranisch-mittelasiatischen Raum etwa in dieser Zeit entstandenen Bewegung der Qalandar (Kalender) Sufis 2); sein Name3) Scheich Usman Marwandi. Er soll zahlreiche Wunder gewirkt haben, ist von vielen Legenden umgeben – z.B. habe er seine Pilgerfahrt nach Mekka auf unterirdischen Gängen unternommen – und trägt seinen Ehrennamen „roter Königsfalke“ (Lal Schahbas) nicht nur wegen der Farbe seiner Kleidung – Rot ist die Farbe der Liebesglut -, sondern vornehmlich, weil er von einem der höchsten Hügel der Umgebung in Gestalt eines Falken in den Pandschab geflogen sein soll. Von ihm wird der Ausspruch überliefert „Ich weiß nichts außer Liebe, Rausch und Ekstase“. Sein Grabheiligtum war dafür berüchtigt, dass sich „seltsame Gruppen von Sufis, solche, die das Religionsgesetz nicht achteten“, dort sammelten. Diese „in Schwarz gekleideten malangs vertreten den unheimlichen Aspekt des Sufismus“ und die „jährliche Feier in Sehwan, die vom 18. bis 22. Shaban 4) stattfindet, war für ihre Ausschweifungen berüchtigt“ 5), so Annemarie Schimmel. Anlässlich ihres ersten Besuchs in dieser Gegend, Anfang der sechziger Jahre des 20. Jh., bemerkte sie, dass die Stadt „noch immer einen Anziehungspunkt für wandernde Derwische bildet – freilich besonders für solche, die sich den offiziellen religiösen Geboten des Islam entziehen und ein seltsam ungeregeltes Leben führen. Es schien nicht angebracht, daß ich diesen Platz besuchte“ 6). Dreißig Jahre später, nach zahlreichen Reisen in Pakistan, offenbart sie den Grund für ihre frühere Zurückhaltung: „Es gab verträumte kleine Plätze, die unendliche Ruhe ausstrahlten, und es gab jenes Heiligtum, das zu besuchen mir nicht gelang, da meine etwas orthodoxe pakistanische „Familie“ in Karachi es unpassend fand, daß ich einen solchen “Ort der Verderbnis“ sah“. In die Zeit, als die Sindhi-Kultur unter Z. A. Bhutto in Pakistan etwas mehr in den Vordergrund trat, „fiel auch mein erster Besuch in Sehwan – das lang ersehnte geschah im Herbst 1974.“ Sie widmet der Episode zwar nur anderthalb Seiten, schließt jedoch das Kapitel mit Anmerkungen, die von starken Eindrücken zeugen und jenseits ihrer sonst zurückhaltende Diktion liegen: “An jenem glühend heißen Tag (43°) war es nicht nötig, die Derwische singen zu hören, ihren Tanz zu sehen. Die Luft schien auch ohne dies aus Feuer zu bestehen. Wir warfen einen kurzen Blick nicht nur in die bunt ausgemalten Derwischzellen, sondern auch in die Tiefen des mysterium tremendum und spürten jenen Wind, der dem Menschen die Haut absengt, ihn ganz und gar entselbst …“ 7) .
Der Ethnologe Frembgen – er hat Pakistan wohl ebenso oft bereist wie Frau Schimmel – erwartet von diesem Ort andere Erfahrungen, von „rauschhaften Erlebnissen in der Menge der Gläubigen, von der Entdeckung eines neuen Gedächtnisortes, eines realen Ortes, der zu einem inneren Ort werden könnte“. Den letzten Anstoß – quasi den Auftrag – zu der im Buch beschriebenen Reise, erhält er beim Besuch des Qalandar-Heiligen Lala Dshi Sarkar, der seit vielen Jahren auf dem „Berg der Berauschten“, etwas südlich des Wallfahrtsortes Nurpur (ca. 240 km westlich von Lahore) lebt.
Die dann auf rund hundertfünfzig Seiten geschilderten „Fünf Tage und Nächte“ reißen den Leser hinein in einen überschäumenden Strudel unmittelbar berührender Erlebnisse. Schon während der langen Zug- und Busfahrt von Lahore in das ca. 1000 km südlich gelegen Sehwan lernt man Menschen kennen, denen man selbst nie begegnen wird, ist gefangen von Sprachen und Geräuschen, allerlei Getier – etwa dem kleinen Wasserbüffel der den Zugang zum Abort verstellt – und der Bemühung, im Chaos von Hitze, Gestank und Lärm etwas Ruhe zu finden.
Am Ziel werden die Verhältnisse keineswegs erträglicher, auch wenn die Freiheit selbständiger Erkundungen von Örtlichkeiten und Ereignissen hinzukommt. Frembgen hat viele hilfreiche Freunde im Lande, die ihm auch in seiner „zweiten Heimat“ 8) weiterhelfen, ihn zu wichtigen Persönlichkeiten (Piirs) führen oder einen Schlafplatz auf den Dach eines Hauses finden lassen. Er kann sich in den gängigen Sprachen und Dialekten verständigen, erfährt viele Hintergründe, die er an den Leser unaufdringlich weitergibt; nie wirkt er belehrend. Das Auge des Ethnologen bleibt stets wach, lässt sich weder durch die ganz selbstverständlich angebotenen Rauschmittel, noch das unaufhörliche Dröhnen der Kesselpauken vernebeln. Der Verstand bleibt auf möglichst vollständige Dokumentation bedacht, trotz unvorstellbarer körperlicher Strapazen in der Masse vieler hunderttausend Pilger.
Auf dem Weg zu einer Verabredung: „… wie gerne würde ich ausruhen, doch es geht weiter. … ein Junge öffnet und führt uns in einen dunklen Innenraum, in dem ein nackter, nur mit einem schwarzen Lendentuch bekleideter Asket an der Wand auf dem Boden sitzt, gestützt auf ein Kissen. Er ist an Hals, Armen und Beinen wie ein Gefangener in schwere Eisenketten gelegt.“ Zu müde, zunächst genauer zu fragen, erfährt Frembgen später, der Asket trage die Ketten einem Gelübde folgend aus Verehrung für den Qalander seit seinem 18. Lebensjahr. In der Nähe des Heiligtums fragt sich der Autor, was der besessene Tanz einer Gruppe schöner Frauen bedeuten könnte, die mit ihren langen Haaren quasi den Boden fegen. „Wird durch die Präsenz und Macht des Qalandars ein übelwollender Geist ausgetrieben? Kämpft der Geist des Heiligen im Körper dieser Frauen mit einem Dämon?“ Andere Frauen tanzen in gelösten Bewegungen zum Klang von Trommeln und Rasseln. Ein Helfer sammelt Geld ein. Sind es professionelle Tanzmädchen?
Die Bilder jagen sich in den fünf Tagen; der Leser erlebt hautnah Teehäuser, Garküchen und ihre Angebote, die Mühe, einen Pilgerstrom in engen Straßen zu kreuzen, Begegnungen mit lockenden Hidschras (Angehörigen des „dritten Geschlechts“), die Farbenglut der Tanzgewänder, orgiastische Klänge der Trommeln, aber auch mystische Gesänge, Derwische aller Gestalt und Herkunft, Gespräche mit Frembgens Gastgebern und Gefährten, Szenen im „Tivoli“, bedrängte Nächte mit zu wenig Schlaf, das unverhoffte Wiedersehen mit alten Freunden, Mitleid mit gequälter Kreatur, die Erfahrung gütiger Menschen und der Nähe Gottes.
Selten las ich einen derart lebendigen Bericht; er ist dicht und packend, kein Wort zu viel, jeder Satz enthält eine willkommene Information. Vermisst man im Buch auf den ersten Blick Fotos, erkennt man bald, dass selbst ein ausführlicher Bildband nicht mehr Informationen bieten könnte, als die genauen und bildhaften Schilderungen des Autors. Das beigegebene ausführliche Glossar ist außerdem hilfreich.
Frembgen, selbst Muslim und ausgewiesener Kenner des Derwischtums, versteht seinen Bericht nicht nur als wissenschaftlich fundierte Darstellung einer „Welt des Archaischen, Magischen und Körperlichen“. Sondern er stellt dem Leser auch einen Islam vor, „der von Vertrauen, Toleranz, Gemeinschaftsgefühl, Trance und rauschhafter Spiritualität geprägt ist, eine lebensfrohe Gegenkultur zur Freudlosigkeit strenggläubiger Muslime“. „Ist nicht die Liebe der glühende Kern des Islam?“. Solche Aspekte diskutiert der Autor am Schluss des Buches in einem wohl teilweise fiktiven Gespräch mit Reisegefährten während der fast zwei Tage dauernden Zugfahrt nach Lahore. Es geht da sehr offen um Gesetzesvorschriften des Islam, die Legitimität von Tanz und Musik, die Frage ob Moscheen heute noch das „Haus Gottes“ sind, die Wirklichkeit „verschiedener Wahrheiten“ im Islam, die Macht der Mullahs und den Einfluss von Koranschulen, um die Taliban und bombenwerfende Extremisten. Die heftigen Diskussionen im Zug enden versöhnlich.
Doch der Leser fragt sich angesichts der Vorgänge im Norden Pakistans, ob ein solches – vom „Volksislam“ geradezu berstendes – Pilgerfest in Sehwan auch in Zukunft noch möglich sein wird?
Jürgen Wasim Frembgen Am Schrein des roten Sufi. Fünf Tage und Nächte auf Pilgerfahrt in Pakistan, Waldgut Verlag Frauenfeld 2008, 166 S., eine Karte, brosch., ISBN 978-3-03740-389-1, 16,00 €. Dr. J.W. Frembgen ist Privatdozent, u.a. an der LMU München, Leiter der Orientabteilung des Staatlichen Museum für Völkerkunde München und Mitglied unserer Gesellschaft. (WJP)
1) Annemarie Schimmel, Mystische Dimensionen des Islam, Diederichs München 1992; 2) J. W. Frembgen, Reise zu Gott. Sufis und Derwische im Islam, C.H.Beck München 2000; 3) Man findet verschiedene Schreibweisen. EI 2 enthält kein eigenes Stichwort. Hier wird die Schreibweise des Autors verwendet; 4) Der siebte Monat im islamischen Mondjahr. Schimmel gibt fälschlich das Datum 18. bis 20. Shawwal an; 5) Schimmel 1992; 6) Annemarie Schimmel, Pakistan. Ein Schloss mit tausend Toren, Füssli Zürch 1965; 7) Annemarie Schimmel, Berge, Wüsten, Heiligtümer. Meine Reisen in Pakistan und Indien, C.H.Beck München 1995; 8) Aus der Website des WDR, mit der ein Film über Frembgens Pilgerfahrt ankündigt wird: www.wdr.de/tv/weltweit/sendungsbeitraege/2009.
Artikel vom Dienstag, 27. Oktober 2009 in Rubrik Buchbesprechungen
Nicht der historische Roman von Alexandre Dumas mit diesem Titel (1850) ist hier anzuzeigen, sondern ein sehr persönliches Buch über eine Wallfahrt nach Mekka ¹. Autor ist der Allianz Gastprofessor für Islamische Studien, Enes Karic, der in den beiden vergangenen Semestern Vorlesungen über den Koran an der Ludwig-Maximilians-Universität München gehalten hat. Im Jahr 2007 machte er sich mit seiner Frau AjÜa und einer Gruppe von Freunden aus seiner Heimat Sarajevo auf den Weg zu den Heiligen Stätten des Islam. Es war nicht seine erste Reise nach Mekka und Medina – mehrere Umra (Pilgerreisen mit verkürztem Programm) gingen voraus – aber es war die erste Hadsch, die Erfüllung eine der fünf Pflichten des gläubigen Muslim. Und für Karic ein tiefgehendes spirituelles Erlebnis.
Die Pilgerfahrt nach Mekka hat bekanntlich eine lange – auch vorislamische – Geschichte. Doch ausführliche Berichte darüber gibt es erst seit dem 11. Jahrhundert ². Manche dieser Texte mit einer Fülle historischer Daten und praktischer Hinweise lassen sich auch als Reiseführer und Ermunterung für potentielle Pilger verstehen. Einer der frühen Berichterstatter war ein Poet aus Balkh, im heutigen Afghanistan, Nasir-i Khusraw, der seine erste Pilgerfahrt 1047 im Anschluss an seine religiöse Bekehrung unternahm. Viele folgten; einer der berühmten Reisenden aus neuerer Zeit hieß Muhammad Asad ³a, ein Korrespondent berühmter europäischer Blätter, der 1926 zum Islam übertrat, lange Jahre im Nahen Osten lebte, Freund und Vertrauter Königs Ibn Sauds und der erste Vertreter Pakistans in den Vereinten Nationen wurde.
Karic, der aus einer strengreligiösen Familie stammt – worauf er sich immer wieder zurück besinnt -, schrieb weder ein Sachbuch über den Hadsch, noch bietet er Einblicke in die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit Saudi Arabiens. Doch wünscht er sich angesichts der bewundernswerten Moschee in Medina, „dass Muslime auch in anderen Lebensbereichen bewundernswert werden“, was er nicht in allen ihren Gesellschaftssystem erkennen kann. Er gibt in seinem Essay viel innerliche Befindlichkeit preis und schildert überraschende Beobachtungen, die er in der „pulsierenden unendlichen Menschenmenge“ der Pilger aus aller Herren Länder macht. So etwa, wenn er über die Beschaffenheit ihrer Füße sinniert, woraus er auf den Alltag der Gläubigen in ihren Heimatländern schließt. Erinnerungen an van Gogh und Heidegger werden dabei unvermittelt wach. Zudem stellt er fest, „es gibt sie nicht, zwei völlig gleiche menschliche Gesichter – die „offenen Blüten des Islam“. Wie sei es dann möglich, „diese abertausende von Gesichtern zu betrachten und dabei in typisierenden Bildern, typisierenden Verallgemeinerungen zu denken?“. Karic sieht die Tränen der Rührung über die letztlich unfassbare kollektive Ergriffenheit seiner Pilgerbrüder und -schwestern. Er beobachtet ihre Kleidung, das Verhalten der anderen Pilger, ihre gegenseitige Zuneigung und bekennt immer wieder sein Erstaunen darüber, wie das archaische Massenereignis einerseits, und moderne Organisation und Technik („die Verse des Koran aus einem Mobiltelefon der Marke Nokia“) andererseits, zum Lobe Allahs zusammenklingen können.
Man folgt dem Autor zu den verschiedenen Stationen, die der Pilger in mehreren Tagen besucht, erlebt dort die vorgeschriebenen Riten, die die „Menschengalaxien“ vollziehen, aber erfährt auch von den vielen persönlichen Begegnungen, die ihm unendlich wichtig sind. Eindrucksvolle Beschreibungen der Bergwelt rund um den Arafat wechseln mit Assoziationen aus der Sternenwelt – die Sprache des Hadschi Karic kennt kaum Grenzen.
Die „Reisenotizen eines bosnischen Mekkapilgers“ sind im besten Sinne ein Unicum. Das Buch erschien ursprünglich in einer bosnischen islamischen Zeitung und wurde von eine Bosnierin wohl ziemlich wörtlich ins Deutsche übersetzt (es gibt zudem eine Fassung in Englischer Sprache). Die zurückhaltende, gleichwohl informative Schwarz-Weiß-Illustration stammt teilweise von einer Assistentin an der Fakultät für Islamwissenschaften der Universität Sarajevo, wo Karic lehrt. Die Fotos unterscheiden sich von den eher spektakulären der wenigen Bildbände zum Thema, etwa dem ebenfalls von Muslimen gestalteten Großformat „Pilgerfahrt nach Mekka“ ³b. Besonders hervorzuheben ist die Gestaltung des Buches durch Sead Muji, der schon mehreren Bänden der exclusiven EDITION AVICENNA von Helene Saal in München eine individuelle Prägung verliehen hat. Zu erwähnen ist schließlich noch die Herkunft des Buchtitels, der auch den Schmuck des Titelblatts erklärt: Karic benennt das schwarze Tuch aus kalligraphie-geschmückter Seide, das jedes Jahr neu die Kaaba verhüllt, nach der Blume, die im Roman von Dumas eine zentrale Rolle spielt. (WJP)
¹ Enes Karic Die SCHWARZE TULPE. Reisenotizen eines bosnischen Mekkapilgers, München 2009, 143 S., zahlreiche s/w Fotos, kartoniert, ISBN 978-3-941943-00-4, 12,90 Euro.
² Suraiya Faroqhi Herrscher über Mekka. Die Geschichte der Pilgerfahrt, München/Zürich 1990.
³a Muhammad Asad Der Weg nach Mekka, Berlin/Frankfurt am Main 1955; ³b M.Arkoun, E.Ezzedine, A.Frikha Pilgerfahrt nach Mekka, Zürich 1977.
Artikel vom Sonntag, 25. Oktober 2009 in Rubrik Buchbesprechungen
Der Neubau von Moscheen gehört zu den Reizthemen in den deutschen Medien, nicht – wie ich meine – der deutschen Öffentlichkeit, da vornehmlich die teils echte, teils gespielte Erregung einer Minderheit kolportiert wird. In Deutschland besteht nämlich ein Grundkonsens, dass jeder Religionsgemeinschaft ein Recht auf würdige Andachtsstätten zusteht. “Widerstände“ entstehen aus Befindlichkeiten mit nachgeordneten Ursachen.
Im Vorwort eines Buches ¹, das von der Herbert Quandt-Stiftung gefördert wurde, liest man dagegen zunächst – durchaus medienkonform – etwas anderes: „Vom Rand- zum Megathema, aus den Hinterhöfen an repräsentative Orte: Moscheebau und Moscheebaukonflikte beschäftigen die deutsche Öffentlichkeit ungewöhnlich intensiv“.
Doch dann wird festgestellt, dass sich die deutsche Gesellschaft, ebenso wie unsere Nachbarn, schrittweise an den noch unvertrauten – doch „nun sichtbareren Islam“ – gewöhnen müsse. Der Band soll dazu einen Beitrag leisten.
Das Buch ist zwar kompakt und „nur“ ein Taschenbuch, jedoch ungewöhnlich informativ und vollständig. Wie eine Aufzählung der Kapitel in Stichworten andeutet, enthält es in zwei Hauptteilen alles, was der Normalbürger zu diesem Thema wissen sollte:
- Quasi als Einleitung: „Geschichte der Moscheen in Deutschland“ mit kurzem Ausblick auf Europa sowie orientalisierende Architektur, die nur das Äußere einer Moschee wiedergibt (z.B. Yenidze/Dresden, Persius Pumpwerk/Potsdam); „Hinterhofmoscheen“; „Neue Moscheebauten“ – einige (von 2600) in Deutschland, u.a. Penzberg; „Moscheen im Orient und ihre Funktionen“, „Alltag in der Moschee“.
- Im kaum umfangreicheren Hauptteil geht es um „Moscheekonflikte als Lehrstücke“; einige exemplarische Fallbeispiele: Essen, Hessen (vor allem Frankfurt), Köln, München und Berlin. Mit einem Fazit, das die wichtigen Gemeinsamkeiten der Einzelfälle mit Lokalkolorit , nämlich die der „Akteurkonstellationen“, analysiert, werden dann unter „Formgebungen“ die „Tücken der Verrechtlichung“, die Religionspolitik und Themen der Mediation angesprochen.
- Abschließend gibt es Handlungsempfehlungen: Der bessere Weg zur Moschee.
Zwei Autoren haben sich die Bearbeitung der Kapitel geteilt:
- Bärbel Beinhauser-Köhler ist Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Frankfurt; sie zeichnet für den ersten Teil verantwortlich.
- Claus Leggewie, der sich mit dem zweiten Hauptteil beschäftigt, leitet das Kulturwissenschaftliche Institut Essen und ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Gießen.
Zwischen den beiden Teilen gibt es noch einen besonders wichtigen Beitrag. Der Architekt des Islamischen Forums Penzberg (2007), dessen Moschee ein buchstäblich leuchtendes Beispiel für moderne Islamische Architektur in Deutschland ist, stellt unter der Überschrift „Anders! Das Islamische Forum in Penzberg. Meine Erfahrungen als Architekt einer Moschee“ nicht nur den Bau, sondern auch seine beispielhafte Baugeschichte vor. Alen Jasarevic, junger Inhaber eines Architekturbüros in Augsburg, Muslim bosnischer Abstammung, hatte bereits beim Symposium des Werkbund Bayern in München im Januar 2009 „Kirchen Synagogen Moscheen – Religionen und ihre Räume in unserer Gesellschaft“ in Anwesenheit hochrangiger Wissenschaftler und Architekten große Anerkennung für seinen Bau erhalten. Längst ist das Penzberger Zentrum mit seinem Anspruch größtmöglicher Offenheit das Ziel von „Architekturwallfahrten“ und Politikern geworden. Unsere Gesellschaft wird noch in diesem Jahr eine Exkursion nach Penzberg anbieten.
Ein zweites Buch ² mit dem gleichen Haupttitel erschien ebenfalls im Frühjahr 2009 als Begleitband einer Ausstellung in verschiedenen deutschen und – mit Unterstützung des Goethe Instituts – demnächst auch in einigen ausländischen Städten. Zwar entstand die Ausstellung im Rahmen einer Tagung des Kulturwissenschaftlichen Instituts, doch handelt es sich eher um ein Bilderbuch mit großformatigen Fotos von deutschen Moscheen (u.a. Penzberg) und dem Leben darin und darum herum. Das Buch will weder einen Gesamtüberblick zum Thema Moschee geben, noch sich im Einzelnen mit der Problematik neuer Moscheebauten beschäftigen. (WJP)
¹ B.Beinhauer-Köhler, C.Leggewie Moscheen in Deutschland. Religiöse Heimat und gesellschaftliche Herausforderung, C.H.Beck München 2009 (beck’sche reihe Nr. 1892), 240 S., 46 meist farbige Abb. im Text, broschiert, ISBN 978-3- 406-58423-7, 12,95 €.
² Moscheen in Deutschland/Mosques in Germany, Wasmuth Tübingen 2009, 132 S., 95 farbige Abb., Texte (deutsch/englisch) von W. Dechau (auch alle Fotos), R. Flöge, L. Kaddor, C. Leggewie, Ch.Welzbacher, kartoniert, ISBN 978-3-8030-0702-5, 24.80 €.
Artikel vom Donnerstag, 15. Oktober 2009 in Rubrik Buchbesprechungen
Siehe meine Freundin, du bist schön, siehe, schön bist du
Diese im Hohelied dreimal wiederholte Preisung der Geliebten – hier in der Übersetzung Martin Luthers – kann man zwanglos auf die Poesie selbst als eine wahre Tochter der Liebe anwenden. Wenn Claudia Ott – die wohlbekannte und erfolgreiche Übersetzerin von Tausendundeine Nacht – nun in einem schmalen Band Die 1oo schönsten Liebesgedichte des Orients versammelt, darf darin das Hohe Lied Salomos ebenso wenig fehlen wie Lyrik aus den Nächten, moderne arabische Dichter (etwa Amal al-Jubouri, geb. 1967) in Otts eigenen Übersetzungen.
 Gold auf Lapislazuli. Die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients
Dazwischen hört man eine große Vielfalt bekannter und unbekannter, zarter und kräftiger, anrührender und nüchterner Stimmen von Menschen, die ihrer überwältigenden Gefühle wohl nur durch Poesie Herr werden konnten. In welchen Facetten gerade die Liebeslyrik des Orients von Iran bis Al Andalus erstrahlt, indem sie – teils doppeldeutig – die Liebe zu Gott, den geliebten Freund oder die Geliebte beschreibt, welchen Einfluss – bis hin zum Minnelied – auch hier der Orient auf den Okzident hatte, welchen Veränderungen Versformen im Lauf der Zeit unterlagen, und manches mehr beschreibt Frau Ott in einem sehr kompakten, aber inhaltsreichen Nachwort. Im kurzen Vorwort hingegen, werden Auswahlkriterien für den naturgemäß nur kleinen Ausschnitt aus der morgenländischen Weltliteratur besprochen. Zu jedem einzeln nummerierten Text gibt es umfangreiche Erläuterungen und Quellenangaben.
Wenn in Nummer 31 sieben – leider nur winzige – Ausschnitte aus den zahlreichen Übersetzungen des Hohen Liedes von Luther über Goethe bis Hausmann (Reichert ¹ fehlt) aufgereiht werden, dienen sie Claudia Ott auch der Verdeutlichung der Problematik von Übersetzungen, die dem eigenen großen Gefühl den Vorrang vor der Wörtlichkeit geben; das führt zum Teil zu erstaunlichen Texterweiterungen. Wäre der Band um ein vielfaches umfangreicher, hätte man sich an dieser Stelle noch extreme Beispiele aus dem ebenfalls bei Beck (1906) erschienenen Büchlein von Will Vesper vorstellen können, der „Das Hohelied Salomonis in dreiundvierzig Minneliedern“ transformierte.
So aber ist in kluger Beschränkung ein wunderschönes Buch entstanden, das sich als Zeichen besonderer Zuneigung jederzeit, im besonderen aber zum christlichen Fest der Liebe verschenken lässt. Um im Zusammnhang mit Weihnachten noch ein letztes mal auf das glühende Hohelied zu kommen, wird man wohl nicht – wie Hartmut Schmökel ² – daran denken, dass es sich dabei um einen aus dem babylonischen Tammuz-Ishtar Kult zur Heiligen Hochzeit abgeleiteten Text handeln könnte!
¹ Das Hohelied Salomos. Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Klaus Reichert, dtv München 1998.
² Hartmut Schmökel, Heilige Hochzeit und Hoheslied, Abhandlungen für die Kenntnis des Morgenlandes XXXII,1, Steiner Wiesbaden 1956
Gold auf Lapislazuli. Die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients. Ausgewählt und erläutert von Claudia Ott, C.H.Beck München 2008 (in der Reihe der Neue Orientalische Bibliothek), 157 S., Ln, SU, Lesebändchen, ISBN 978 3 406 57699 0
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