Gott lässt sich nicht beschreiben

Artikel vom 2. November 2017

In der Münchner Kirchenzeitung Nr. 44 vom 29. Oktober 2017 erschien der folgende Beitrag – nicht zuletzt aus Anlass der Verleihung des Bürgerpreises des Bayerischen Landtags an die Freunde Abrahams. Wir freuen uns über diese Ehrung; sie gilt ja dem von Stefan Wimmer betreuten Verein, wie unserem Mitglied gleichermaßen.
Am Rande sei bemerkt, dass „die Politik“ hier offenbar ein wenig über ihren Schatten gesprungen ist, wenn sie wichtiges ehrenamtliches Engagement auch einmal jenseits der verdienstvollen Arbeit von sozial oder sportfördernd tätigen Bürgern bemerkt und ehrt.

Wir bedanken uns bei der Münchner Kirchenzeitung (MK) für die Abdruckgenehmigung; sie ist die Katholische Wochenzeitung für das Erzbistum München und Freising. Als ihr Gründungsdatum kann man den 5. Januar 1908 annehmen. In ihrem modernen, liberalen und weltoffenen Medienauftritt ist ein Beitrag, wie der über Stefan Wimmer,  dort heute nicht mehr besonders auffällig; vor Jahren gehörte das Reizwort Islam noch nicht zum alltäglichen Wortschatz dieser Zeitung.

Wer die wissenschaftliche Arbeit von Prof. Dr. Stefan Wimmer näher kennenlernen möchte, findet auf der Website des Instituts für Ägyptologie und Koptologie der LMU die umfangreiche Liste seiner Publikationen. Das über die Landeshauptstadt Bayerns hinaus wichtige und hochinteressante Buch „München und der Orient“ (Rezension in dieser Website) sollte daneben nicht vergessen werden.

Stefan Jakob Wimmer engagiert sich mit den „Freunden Abrahams“ im interreligiösen Dialog

Über die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands fühlt sich vom Islam bedroht, 61 Prozent ver­treten die Meinung, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Diese Zahlen ergab 2015 die „Sonderaus­wertung Islam“ des „Religionsmoni­tors“ der Bertelsmann Stiftung. Stefan Jakob Wimmer, erster Vorsitzender der „Freunde Abrahams“, hat keine Angst vor dem Islam. Dennoch gehen Zahlen wie diese nicht spurlos an ihm vorü­ber, der sich mit seinem Verein der re­ligionsgeschichtlichen Forschung und dem interreligiösen Dialog verschrie­ben hat. Der außerplanmäßige Profes­sor für Ägyptologie sitzt im Café der Bayerischen Staatsbibliothek in Mün­chen. Neben der Universität ist die Stabi sein zweiter Arbeitsplatz, der, mit dem er seinen Lebensunterhalt ver­dient. Zwar gebe es auch Fortschritte in der Verständigung der verschiedenen Religionen, zugleich aber wüchsen die Widerstände. In Wimmers Stimme liegt keine Verbitterung, aber doch viel Ernst.

Sehr ernst war auch der Anlass zur Gründung des Vereins: die Terror-anschläge vom 11. September 2001. Wimmer war damals wissenschaftli­cher Assistent bei dem katholischen Alttestamentler Manfred Görg. Der Münchner Theologieprofessor hatte sich auf die Beziehungen zwischen dem Alten Testament und dem Alten Ägypten spezialisiert.

Professor Görg und mich hat interessiert: Wie sah das aus im Alten Orient, in Kanaan, in Ägypten, bevor die drei Religionen entstanden sind, die uns heute beschäftigen?“, erklärt Wimmer. „Wenn man da ansetzt und gräbt – im übertragenen und im wört­lichen Sinn –, dann kann man eine Menge zutage fördern, was man auf die Situation heute übertragen kann“, fährt er fort und lässt keinen Zweifel daran, dass ihm die Begeisterung für sein Themengebiet geblieben ist.

Schon mit 15 wusste der gebürtige Münchner, dass er Ägyptologie stu­dieren will – in Jerusalem. Vor diesem Abenteuer galt es, noch eine Hürde zu überwinden. Zwar unterstützten ihn seine Eltern in seinen Studienplänen, doch zuvor sollte er etwas „Vernünfti­ges“ lernen. Das Studium von Geistes­wissenschaften galt damals wie heute als riskant. „Man musste damit rech­nen, dass man damit kein Geld ver-dienen kann, und so ist es ja auch weitgehend gekommen“, sagt Wim­mer schmunzelnd.

Nach der Ausbildung zum Bank­kaufmann, die ihn in seinen Plänen nur habe sicherer werden lassen, zog er für gut sieben Jahre zum Studium der Ägyptologie und Archäologie nach Jerusalem. Die Stadt verzaubert den 54-Jährigen bis heute: „Es ist faszinie­rend, dass in einer einzigen Stadt ein solcher Querschnitt von Religionen und Kulturen fast aus der ganzen Welt zusammentreffen kann und dass es trotzdem irgendwie geht.“

Als Professor Görg 2012 starb, wur­de Wimmer der erste Vorsitzende der „Freunde Abrahams“. Der etwa 200 Mitglieder starke Verein ist rein eh­renamtlich tätig, eigene Räume besitzt er nicht. Mit improvisierter Logistik organisiert er Vorträge, Exkursionen und Reisen und gibt sogar eine eigene wissenschaftliche Zeitschrift heraus. Woher nimmt Wimmer die Kraft für dieses zeitintensive Engagement? „Re­ligiöse Menschen haben immer schon eine Kraftquelle zur Verfügung“, ant­wortet er ohne nachzudenken.

Was sagt jemand, der sich so viel mit anderen Religionen beschäftigt hat, über sein eigenes Gottesbild? „Viel, wo fange ich an?“, beginnt Wimmer, um nach einer Pause hinzu­zufügen: „Oder auch gar nichts. Das Gottesbild ist etwas, was wir als Men­schen nicht verstehen, definieren oder beschreiben können.“ Er selbst sei katholisch aufgewachsen und dort zu Hause. Manchmal finde er aber in an­deren Religionen etwas, das ihm mehr einleuchte. Sympathisch ist ihm das Gottesbild des Islam, da es außer der Aussage, dass Gott eins sei, völlig darauf verzichte, Gott zu beschreiben.

Wimmer ist überzeugt, dass alle Menschen den gleichen Gott anbeten: „Ich kann mir Gott nur so vorstellen, dass er sich freut, wenn ihn verschie­dene Religionen ansprechen, so wie ein und derselbe Mensch verschiedene Sprachen spricht.“ Anderen Menschen möchte er vor allem vermitteln, dass Religionen kein Konfliktstoff sein sollten, dass man sie nicht negativ als Abgrenzung verstehen darf. Außer­dem dürfe Religiosität niemals aufge­zwungen sein: „Religion muss etwas sein, wonach man Durst hat, das kann man nicht einflößen.“

Dass Botschaften wie diese über­zeugen, wurde am vergangenen Don­nerstag deutlich. An diesem Tag wurde den „Freunden Abrahams“ der Bürgerpreis des Bayerischen Landtags verliehen. Der Preis stand dieses Jahr unter dem Motto „Mein Glaube. Dein Glaube. Kein Glaube. – Unser Land! Bürgerschaftliches Engagement und weltanschaulicher Diskurs für eine Gesellschaft des Respekts und der Verständigung“.

Der erste Vorsitzende freut sich sichtlich über den mit 5.000 Euro do­tierten Sonderpreis der Jury. „Ein sol­cher Preis ist aus mehreren Gründen sehr schön, vor allem, weil er Wahr­nehmung bedeutet. Ein so überschau­barer Verein wie die ‚Freunde Abra­hams‘, der nur von Mitgliedsbeiträgen lebt, braucht nichts mehr als Wahr­nehmung“, erklärt Wimmer. Dann verlässt der Professor das Café in Richtung seines Büros, wo alte Bücher auf ihn warten. Wenn er zwischen ih­nen Fernweh bekommt, dann tut er etwas dagegen – mindestens einmal im Jahr reist er nach Jerusalem. Theresia Lipp

Die Autorin ist freie MK-Mitarbeiterin und studiert in München Theologie.