Gesegnet seien die Fremden

Artikel vom 19. Februar 2019 zuletzt aktualisiert am 19. Februar 2019

Stefan Weidner

Wie die islamische Tradition uns helfen kann, einen neuen Blick
auf die Erfahrungen von Flucht und Fremdheit zu werfen

„Der Islam begann fremd und er wird wieder so fremd werden, wie er
einst begann. Gesegnet sei en also die Fremden“, lautet ein
bekanntes Hadith, einer der Aussprüche des Propheten Mohammed. Diese
Aussage ist ebenso erstaunlich wie rätselhaft, und die Versuche der
orthodoxen Religionsgelehrten, ihm seine Sprengkraft zu nehmen, sind
wenig überzeugend gewesen.

In einem anderen sehr bekannten Hadith heißt es:

كُنْ فِي الدُّنْيَا كَأَنَّك غَرِيبٌ أَوْ عَابِرُ سَبِيلٍ

Sei in dieser Welt als wärst du ein Fremder oder einer, der auf
einem Weg vorübergeht.

Der Hintergrund dieser Aussage ist die Annahme, dass die eigentliche
Heimat des Menschen – jedenfalls seit der Vertreibung aus dem
Paradies – nicht hier in dieser Welt, sondern im Jenseits liegt,
bei Gott.

Es handelt sich dabei um eine sehr alte Vorstellung, die sich auch in
anderen Religionen findet. In keiner mir bekannten Religion ist das
Dasein des Menschen in der Welt jedoch dermaßen deutlich als
Fremdheit, als Exil von der Heimat im Himmel beschrieben worden wie
im Islam.

Wenn wir uns Gedanken darüber machen möchten, wie sich die
aktuellen Umwälzungsprozesse, Entwurzlungen und die daraus
resultierenden Entfremdungserfahrungen geistig und seelisch
bewältigen lassen, scheint der Blick in die islamische Tradition,
scheint ihre Neuinterpretation für unsere Zeit angeraten, und zwar
unabhängig von der Frage, ob wir an einen Gott glauben oder nicht.

Die Fremdheit des Menschen in der Welt sollte nach islamischer
Vorstellung den Weg dafür ebnen, dass der Mensch sich aus der
diesseitigen Welt fort und zu Gott hin orientiert, wie sich der
Fremde oder Exilierte nach seiner Heimat, nach seiner Familie sehnt.Die Tatsache, dass er sich in der Welt fremd fühlt – oder
jedenfalls fremd fühlen kann – , weist ihn darauf hin, dass er in
Wahrheit woanders hin gehört, nämlich zu Gott, ins Jenseits, und
zwar selbst dann, wenn es ihm in der Welt gut geht: Selbst wenn du
kein Fremder bist, sagt der Prophet, verhalte dich, als ob du einer
wärst.

Dem Begriff der Fremdheit eignet also im Islam eine seltsame
Doppeldeutigkeit. Gewiss ist sie negativ. Aber doch nicht nur und
ausschließlich. Vielmehr ist die Fremdheit wichtig, sie leistet
etwas, erinnert den Gläubigen an Gott und ruft die Sehnsucht nach
ihm wach wie nach einer Heimat. Die Fremdheit hat damit im Islam die
Stellung inne, die im Christentum das Leiden einnimmt. Es ist zwar
negativ, doch zugleich die Erinnerung an und der Weg zu
Gott.

Die wichtigste Strömung im Islam, die die Idee von der Fremdheit des
Menschen in der Welt aufgenommen und weitergedacht hat, war der
Sufismus, also die islamische Mystik. Ihre Sehnsucht nach Gott ließ
sich mit der Vorstellung, dass die eigentliche Heimat im Jenseits
liegt, sehr gut erklären.

Eines der bemerkenswertesten Beispiele für die mystische Deutung des
Diesseits als Fremde und Exil ist eine Parabel von Suhrawardi Maqtul,
der Getötete, so genannt, weil er 1191 im Alter von 36 Jahren in
Aleppo auf Befehl Saladins hingerichtet wurde, da seine mystischen
Spekulationen als Häresie galten. Der Text trägt den Titel Qissat
al-ghurba al-gharbîya
– „Erzählung von der westlichen
Fremdheit“, oder vom „westlichen Exil“. „Fremdheit“ oder
„Exil“ heißt auf arabisch ghurba. Interessanterweise
werden aus derselben Wortwurzel auch die Wörter gebildet, die den
Westen bezeichnen. Während das Wort gharîb „fremd“
oder „Fremder“ bedeutet, bedeutet das Wort gharbi
„westlich“.Der arabische Titel der Parabel von
Suhrawardi enthält also ein Wortspiel, welches „Westen“ und
„Exil“, bzw. „Fremdheit“, miteinander verbindet.

Auch in dieser Geschichte erscheint die Fremdheit, beziehungsweise
das Exil, als conditio humana, also als ein Grundzustand des
Menschen. Neu ist allerdings, dass bei Suhrawardi ein Ausbruch aus
dieser existenziellen Fremdheit möglich scheint, und sei es nur
kurzzeitig, etwa im Schlaf, im Traum oder in der mystischen Ekstase.
Der Erzähler, erinnern wir uns, darf in der Nacht aus seinem Brunnen
hoch auf die Türme des Schlosses steigen, wo er die Botschaften
seines Vaters empfängt.Damit aber ist zumindest ein
Vorgeschmack von Heimat, die Ahnung eines Zustandes der
Nicht-Fremdheit möglich. Die beiden Sphären, Heimat und Exil, Osten
und Westen sind zwar getrennt, aber sie wissen voneinander, es gibt
eine Kommunikation zwischen ihnen.

Die Vorstellung von der Welt als Exil, von der Fremdheit im
diesseitigen Leben, hat auch zeitgenössische arabische
Schriftsteller angesprochen. Zwar sind die meisten von ihnen nicht
religiös, aber aufgrund der politischen Situation in ihrer Heimat
lebten und leben viele dieser Autoren selbst im Exil. Und da das
Exil, ghurba, gemäß der Erzählung von Suhrawardi
ausgerechnet im Westen – gharb – liegt, ergeben sich für
diejenigen muslimischen Autoren, die tatsächlich im Westen im Exil
leben zahlreiche Anknüpfungspunkte. Sie beschreiben ihre
existenzielle Situation mit ebenso beeindruckenden Bildern wie ihre
mittelalterlichen Vorfahren:

Wir reisen wie alle anderen auch, aber wir kehren nirgendwohin
zurück (…)

dichtet zum Beispiel Mahmud Darwish, der bekannteste Dichter der
Palästinenser, ihrer Vertreibung und Heimatlosigkeit.

Das Gedicht schließt mit den Zeilen:

Wir haben ein Land aus Worten:

Sprich, sprich, damit wir das Ende der Reise erkennen

Wir sehen daran, wie auch die heutigen arabischen Dichter ihr reales
Exil als Metapher begreifen, als Sinnbild für die Existenz als
solche, und wie sie aus dieser Verallgemeinerung des Exils Trost
gewinnen, nur eben ohne expliziten Bezug auf ein Jenseits. Der Trost
besteht darin, dass gemäß dieser neuen Sichtweise nun in Wahrheit
alle Menschen im Exil sind und nicht nur bestimmte Gruppen von
Menschen. Das reale Exil erscheint damit nicht mehr als Nachteil, als
Stigma oder Grund zur Diskriminierung.

Mit der Vorstellung von der Welt als Fremde oder Exil ergeben sich
inspirierende weltanschauliche Perspektiven gerade auch dann, wenn
wir nicht an einen Gott, nicht an ein Jenseits glauben wollen. Wenn
wir aber trotzdem daran glauben wollen, so ändert das nichts an der
Perspektive: Die Welt bleibt fremd, die Fremdheit aber ist nicht bloß
negativ, sondern weist uns den Weg, wie wir anders und besser damit
umgehen und sie vielleicht momentweise überwinden können. So
gelingt es zudem, den scheinbar unüberbrückbaren Graben zwischen
Gläubigen und Nichtgläubigen, zwischen religiösen und
nicht-religiös orientierten Menschen überwinden, da beide die Idee
der Fremdheit des Menschen in Welt teilen können.

Die Idee von der Fremdheit als conditio humana erlaubt es uns
schließlich, gerade die echten Fremden – in der Alltagssprache die
Zugewanderten, Flüchtlinge, Ausländer – als unsereins zu
betrachten, mit denen wir ein Schicksal teilen, nämlich irgendwie in
der Welt fremd zu sein. Da wir alle Fremde sind, ist es geboten,
solidarisch zu sein, die Fremdheit als Grundlage einer neuen
Brüderlichkeit zu begreifen und zu leben. Umso problematischer ist,
dass wir heute kaum noch einen positiven Begriff von Fremdheit haben,
dass Fremdheit als Stigma gilt, dass wir unsere eigenen
Fremdheitsgefühle oft nach Kräften zu verdrängen versuchen.

Je klarer und deutlicher wir die Fremdheit empfinden und sie uns
einzugestehen in der Lage sind, desto fähiger sind wir, sie –
zumindest momentweise – zu überwinden, und desto intensiver werden
wir diese Überwindung empfinden und wertschätzen. Insofern sie die
Genüsse steigert, könnte sogar ein Hedonist Geschmack an der
Fremdheit, der Entfremdung finden. Und ist nicht genau deswegen die
Verfremdung eines der wichtigsten Mittel der Kunst, der modernen
ebenso wie der mystischen? Dies alles lehrt uns die islamische
Tradition, lehren uns die mystischen Dichter des Islams, lehren uns
noch die zeitgenössischen Dichter aus der islamischen Welt.

Die Erkenntnis des grundsätzlichen Fremdseins des Menschen ist daher
das beste und vielleicht einzige Mittel, seine Fremdheit auszuhebeln,
zu überwinden, zu überschreiten hin zu einer Kommunikation mit
allem, was anders ist als wir und was uns eben dadurch befreit,
erhöht und rettet, nicht zuletzt vor uns selbst.

Fa touba lil-ghurabā: Gesegnet seien also die Fremden!