Martin Naimi: Die Influencer des West-Östlichen Diwans

Carl Ermer, Schmucktitel zum »West-östlicher Divan«, nach der Vorlage von Johann Wolfgang von Goethe © Klassik Stiftung Weimar
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), war einer der größten Dichter deutscher Sprache, und er war Zeit seines Lebens nicht nur ein literarischer Universalist, sondern auch ein geistiger Brückenbauer zwischen Kulturen, Zeiten und Weltbildern. In seinem Alterswerk (1819-1827), dem West-östlichen Divan, verbindet sich diese Offenheit mit einer tiefgreifenden Faszination für den Orient – insbesondere für die persische Dichtung. Der „Divan“ – eine Gedichtanthologie – ist kein bloßes Imitat orientalischer Poesie, sondern ein kreatives und spirituelles Echo auf die literarische Welt Irans. Goethes „West-östlicher Divan“ ist ein einzigartiges Werk der deutschen Literatur, das in seiner Tiefe, Weite und kulturellen Durchdringung seinesgleichen sucht. Entstanden im frühen 19. Jahrhundert, verkörpert es Goethes intensive Auseinandersetzung mit der orientalischen, insbesondere der persischen Dichtung. Im Zentrum dieses interkulturellen Dialogs steht vor allem einer: der große iranischen Dichter Ḥāfeẓ (1320-1390). Doch auch andere Einflüsse aus der persisch-islamischen Welt und darüber hinaus haben Goethes Denken und Schreiben geprägt.
Ḥāfeẓ-e Širāz (ca. 1320–1390) gilt als einer der größten Lyriker der persischen Literatur. Sein „Divan“ ist eine Sammlung von Gedichten, die Themen wie Liebe, Wein, Spiritualität, aber auch Ironie und Weltweisheit behandeln. Die Gedichte sind oft doppeldeutig. Was wie eine Lobpreisung des Weines klingt, kann auch eine mystische Erfahrung beschreiben.
Saʿdi-e Širāzi (1210 – 1292) war ein moralphilosophischer Dichter, dessen Werke Bostān und Golestān in orientalischen und später auch europäischen Bildungstraditionen geschätzt wurden. Er ist bekannt für seine Betonung von Menschlichkeit, Mäßigung und Weisheit
Eine zentrale Saʿdi-Zeile:
„Die Menschen sind Glieder eines Körpers,
Wenn ein Glied schmerzt, fühlen es die anderen auch.“
Diese Botschaft von universeller Verbundenheit war ganz im Sinne Goethes, der stets eine kosmopolitische Ethik verfolgte.
Ğalāl ad-Din Rumi (1207–1273) war ein Mystiker und Dichter, dessen Werke (u.a. Maṯnawi und Diwān-e-Šams) von göttlicher Liebe und spiritueller Ekstase handeln. Auch wenn Goethe Rumi wohl nur indirekt kannte, finden sich zahlreiche Parallelen – etwa in der Idee des „Tanzes“ als Ausdruck göttlicher Energie oder in der Idee der Liebe als schöpferische Kraft.
Ferdowsi (940–1020), Autor des Šāhnāme (Buch der Könige), war für Goethe weniger wichtig im poetischen Stil, aber bedeutend für das Geschichts- und Kulturverständnis Persiens. Sein Werk steht für eine idealisierte nationale Identität, die Goethe als historische Kulisse reflektiert.
Die Sufi-Mystik, eine spirituelle Richtung im Islam, spielt eine große Rolle in der persischen Dichtung. Wichtige Merkmale sind:
-Das Streben nach Vereinigung mit Gott (Fanā’ – das Auflösen des Ichs)
-Die metaphorische Sprache (z. B. Wein, Geliebte, Nachtigall)
-Der Tanz, Musik und Poesie als mystische Praxis
-Die Idee, dass alles Sichtbare ein Zeichen des Unsichtbaren ist
Obwohl Goethe kein Muslim war, fand er in der Sufi-Mystik eine Art religionsphilosophische Heimat. Er sah darin eine Verbindung von Sinnlichkeit und Transzendenz, von emotionaler Tiefe und geistiger Offenheit. In seinem Gedicht Selige Sehnsucht spiegelt sich der Gedanke der mystischen Selbstauflösung:
„Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.“
Diese Zeilen stehen in engem Bezug zu sufistischen Gedanken, besonders zu Rumi.
Goethe zeigte große Achtung vor der islamischen Lehre. Er bezeichnete den Koran als ein „ewig wahr bleibendes Werk“ und erkannte im Islam eine tiefe Spiritualität.
Er ist einer der wenigen Autoren Europas, der nicht aus einer kolonialen Perspektive schreibt, sondern in echtem Respekt und Neugier dem Orient begegnet. Seine „Influencer“ sind keine Objekte der Exotik, sondern Subjekte mit eigener Stimme.
Goethes West-östlicher Divan ist mehr als nur eine Hommage an Ḥāfeẓ. Es ist ein poetisches Experiment, das Kulturen verbindet, religiöse und sprachliche Barrieren überwindet und zu einer universellen Poesie vordringt. Der Begriff „Divan“ selbst wird von Goethe umgeformt zu einem Ort der Begegnung. Westliches Denken trifft auf östliche Weisheit, christliche Metaphysik auf islamische Mystik, Rationalität auf Ekstase.
Er entwirft in seinem Divan eine Art poetisches Weltbild, in dem die Dichter der persischen Klassik nicht nur Quellen der Inspiration, sondern auch moralische und spirituelle Lehrer sind. In einer Zeit zunehmender Nationalismen und kolonialer Überheblichkeit ist dieser Blick auf den Orient nicht nur ungewöhnlich, sondern visionär.
Goethes West-östlicher Divan ist aber auch ein dialogisches Werk im tiefsten Sinne. Die persischen Dichter – vor allem Ḥāfeẓ, aber auch Saʿdi, Rumi und andere – sind nicht nur literarische Quellen, sondern Gesprächspartner, geistige Spiegel, vielleicht sogar Lehrer. Goethe erkennt in ihnen nicht nur Poesie, sondern Lebenskunst, Weisheit und universale Menschlichkeit.
Die persischen Influencer Goethes haben dem West-östlichen Divan seine Seele gegeben. Goethe war kein bloßer Bewunderer des Orients, sondern ein aktiver Gesprächspartner, der sich von der Tiefe und Schönheit der persischen Dichtung herausfordern ließ. Der Divan ist somit ein Werk des Dialogs, der Reifung und der Weltumarmung. In einer Zeit, in der der Begriff Influencer meist oberflächlich verwendet wird, erinnert uns Goethe daran, dass wahrer Einfluss aus Tiefe, Erkenntnis und gegenseitigem Respekt erwächst.
In einem Augenblick, in dem kulturelle Abgrenzung und religiöse Intoleranz wieder auf dem Vormarsch sind, bietet uns dieses Werk ein machtvolles Gegennarrativ: dass der Offenheit, des Gesprächs und der geteilten Sehnsucht nach Wahrheit, Schönheit und Sinn.