Oya. Von osmanischer Mode zu türkischer Volkskunst

Artikel vom 27. Mai 2011 zuletzt geändert am 7. April 2013

Mehr als 50 Jahre mussten vergehen, bis in München der Name dieses textilen Objekts wieder in einer Ausstellung auftauchte: Oya (türkisch Zierspitze). Selbst in Fachbüchern über türkische Textilien sucht man sie oft vergebens.

Dame auf dem Markt von Bodrum

Dame auf dem Markt von Bodrum

Am 19. Mai 2011 wurde im Staatlichen Museum für Völkerkunde die erste Ausstellung in Deutschland eröffnet, die sich ausschließlich diesem Textil widmete; sie ist inzwischen beendet.

Die erste Erwähnung in München war denkbar bescheiden: Im Jahre 1959  fand im Münchner Stadtmuseum eine kleine Ausstellung mit „Volkskunst der Türkei“ statt. Man sah Objekte einer Stiftung von Frau Melek Lampé, der Gattin eines bekannten Münchner Internisten.  Nur ein einziges Textil, die Nummer 108, wird im kleinen Katalog – leider ohne Abbildung – als Nadelspitze ‚oya‘ bezeichnet: Ranken, Blätter, Blumen und Knospen. Diese plastische Spitze in feiner Nadelarbeit wurde als Einfassung von Kopftüchern und Hemdärmeln verwendet – 18. und 19. Jahrhundert. Vielleicht ähnelte es dem Tuch, das Gérard Maizou auf dem Markt von Bodrum fotografierte: Vor hundert Jahren war das Tragen von Oya im osmanischen Reich Mode. Heute ist in der Türkei das Anfertigen der Oya beliebte Volkskunst. Im frühen 19. Jahrhundert treten sie in Erscheinung – bunte Blüten aus feinster seidener Nadelspitze. Die Arabistin Dr. Kathrin Müller und der Journalist und Fotograf Gérard Maizou, beide Mitglieder unserer Gesellschaft, hatten die kleine, aber feine Ausstellung vorbereitet.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind sie bereits im ganzen osmanischen Reich verbreitet, in Kleinasien, auf dem Balkan, den Inseln der Ägäis, in Palästina und Ägypten. Oya schmücken Kopftücher, aber auch Fese und Geldbeutel. Heute sind Oya türkische Volkskunst, werden mit Vorstellungen aus dem Volksglauben und alten Mythen verbunden.

Frauen-Kopftuch mit Nelken-Oya

Frauen-Kopftuch mit Nelken-Oya

Die Oya sind nur noch selten aus Seide gearbeitet, sondern meist aus Nylongarn. Nach altem Brauch verwahrt man sie in der Aussteuertruhe, sie werden aber auch auf dem Bazar verkauft sowie im Internet angeboten. Das Münchner Völkerkundemuseum zeigte Oya-Beispiele vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit sowie zahlreiche meisterhafte Fotografien. Alle Objekte der Ausstellung wurden von Kathrin Müller und Gérard Maizou auf  Reisen im In- und Ausland, in Europa und Vorderasien, zusammengetragen. Sie besuchten Märkte, Sammler, Händler und Museen, notierten Informationen aus Archiven, von anderen Liebhabern und aus der spärlichen Literatur.

Zur Ausstellung erschien ein kleiner Katalog, der 40 Stücke in bestechend schönen Farbphotographien abbildet, vier weitere Farbfotos zeigen Frauen und Männer, die Oyas tragen.  Alle Stücke sind in einem kurzen Vorwort, das zunächst in die Materie einführt, beschrieben. Dabei wird auch die Herkunft und Bedeutung der zahlreichen Motive erläutert, wonach man Oyas in diverse Kategorien einordnen kann.

Gérard J. Maizou, Kathrin Müller, OYA. Von osmanischer Mode zu türkischer Volkskunst. Herausgegeben von der Gesellschaft der Freunde Islamischer Kunst und Kultur e.V., München 2011, 48 Seiten, 44 farbige Abbildungen, klein 8° quer, ISBN 978-3-00-034471-8.

Band mit Passionsblumen-Oya

Band mit Passionsblumen-Oya

Von Männern getragenes Tuch mit Nelken-Oya

Von Männern getragenes Tuch mit Nelken-Oya

Der Katalog ist nahezu vergriffen; Restexemplare können noch zum Preis von 6,50 Euro zugesandt werden. Bitte bestellen Sie ihn mit folgender E-Mail vorstand@freunde-islamischer-kunst.de, oder wenden Sie sich brieflich an den Vorstand unserer Gesellschaft, Hindringer Straße 7, 83278 Traunstein. Den Ersten Vorsitzenden, Herrn Max Leonhard, erreichen Sie auch unter folgender Telefonnummer 0861-6 96 56.