König Schahriar, Scheherazade und ihre Schwester Dinarzade

Artikel vom 9. März 2011 zuletzt geändert am 23. Februar 2013

Dreihundert Jahre nach der ersten Übersetzung der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht in eine europäische Sprache durch Antoine Galland, erschien 2004 im Verlag C. H. Beck eine neue Übersetzung von Claudia Ott (1) „nach der ältesten arabischen Handschrift“. Das Buch ist sehr erfolgreich und erreichte 2009 bereits die 10. (!) Auflage.

9783406616082[1]

Ali Baba und vierzig Räuber

Nun liegt seit Januar 2011 eine weitere Übersetzung dieser Geschichten aus dem Beck Verlag vor: Ali Baba und vierzig Räuber. Erzählungen aus Tausend und eine Nacht in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß. Herausgegeben von Ernst-Peter Wieckenberg (2).

Konkurrenz im eigenen Hause? Durchaus nicht, denn die Gemeinsamkeiten sind spärlich und liegen eigentlich nur im Erzählstoff, eben dem unerschöpflichen Fundus einer Sammlung, die wohl vor zweitausend Jahren in Indien ihren Ursprung nahm. Selbst die vordergründige Gemeinsamkeit, dass beide Übersetzungen letztlich auf die sog. „Galland-Handschrift“ zurückgehen, bedeutet nur in eine lockere Verwandtschaft. Die Unterschiede überwiegen, was für den Freund dieses Juwels der Weltliteratur nahe legt, beide Ausgaben – auch vergleichend – zu lesen.

Zu Claudia Otts Text ist bereits alles gesagt, von ihr selbst im ausführlichen Nachwort zu ihrer Übersetzung sowie in vielen begeisterten Rezensionen. Sie übersetzte direkt aus dem Arabischen nach der vom irakischen Arabisten und Islamwissenschaftler Muhsin Mahdi in fünfundzwanzig Jahren erarbeiteten dreibändigen Ausgabe (3). Das zugrunde liegende Manuskript erhielt später seinen Namen, weil Galland es 1701 über einen Freund aus Aleppo erworben hatte und für seine Zwecke nutzte; es befindet sich heute in der Bibliothèque nationale, Paris. Die Handschrift wird von der Wissenschaft überwiegend in die Zeit um 1450 datiert, der Herausgeber hielt jedoch eine frühere Entstehung im 14. Jh. für möglich.

Claudia Ott begrenzte ihren Text strikt auf die „Galland-Handschrift“, und lässt selbst das wenige weg, was Mahdi zu ihrer Abrundung ergänzte. Und sie versuchte, den Sprachstil der Vorlage möglichst genau wiederzugeben. „In der Edition haben wir einen Text vor uns, der die Mündlichkeit und Schlichtheit der Sprache in besonderer Weise bewahrt hat. […] Das Schöne an dem Text der Mahdi-Edition ist gerade seine Natürlichkeit, seine Unbefangenheit. Und diese darf auch aus der Übersetzung herausklingen“ (Ott, 657). Ob man selbst liest oder einer Lesung lauscht, man fühlt sich an den Ort versetzt, wo der orientalische Märchenerzähler seine Zuhörer – nicht selten mit deftigen Ausdrücken – in Bann hält.

Die Erzählsprache von Voß (1751-1826) ist anders, da sie gleichsam durch zwei Filter gegangen ist. Seine Vorlage waren Les Mille et Une Nuit. Contes Arabes von Antoine Galland. Der hatte den Text der Handschrift aus Aleppo, die mit 282 Nächten nur bis zum 7. Band seiner zwölfbändigen Ausgabe (1704-09) reichte, aufgrund des „formidablen Interesse(s)“, auf das der erste Band gestoßen war, deutlich vermehrt. Hinzu kamen „Geschichten aus anderen arabischen Quellen“, wie „Sindbad der Seefahrer“, „Aladdin und die Wunderlampe“, „Ali Baba und die vierzig Räuber“ und andere (vergl. Ott, 646). Der Franzose zielte mit seiner Nachdichtung „ganz bewusst darauf ab, den Geschmack der französischen Salons des frühen 18. Jahrhunderts zu bedienen“ (Ott, 645), zu denen er Zugang hatte. Gallands Ansehen wuchs 1670 mit der Berufung zum Sekretär des französischen Botschafters in Konstantinopel. Auf Reisen erwarb er sich vorzügliche Kenntnisse des Türkischen und Arabischen und gewann hohe Reputation in der gelehrten Welt durch seine Arbeiten zur Numismatik und Geschichte des Osmanischen Reiches. Als Akademiemitglied und Professor für Arabisch „zog er dann später Hof und Stadt in seinen Bann. Selbst Damen aus dem Hochadel luden ihn ein, um sich von ihm die jüngst erschienene oder gar noch nicht veröffentlichte Erzählung Scheherazades vortragen zu lassen“ (Wieckenberg, 356 f.).

Auch die Übersetzung von Voß in der Beck’schen Ausgabe wird natürlich von der Rahmenerzählung eingeleitet, mit der die Geschichten aus 1001 Nacht stets beginnen. Darin begegnet man dem grausamen persischen König Schahriar, der Erzählerin Scheherazade und ihrer Schwester Dinarzade. Erzählt werden dann in der ersten bis achten und in der 181. bis 230. Nacht – sowie danach ohne „Nächteeinteilung“ (wie bei Galland) – insgesamt sieben Geschichten. Davon gehören „Der erwachte Schläfer“ und die „Geschichte von Ali Baba und vierzig Räubern“ nicht zur „Galland-Handschrift“, wohl aber natürlich zur Galland-Ausgabe. 350 Seiten können nicht die sechsbändige Voßsche Ausgabe (1781-1785) wiedergeben, doch ist die getroffene Auswahl charakteristisch für das Ganze.

Ich möchte versuchen, die Besonderheit des neuen Buches aus der Fülle der Gedanken deutlich zu machen, die Ernst-Peter Wieckenberg im Nachwort darlegt; das wiederum fasst zusammen, was der Herausgeber bereits früher ausführlich zum Thema geschrieben hat (4).

Zunächst erläutert er die unterschiedlichen Schicksale Voßscher Übersetzungen: Einerseits der in unzähligen Ausgaben verbreiteten, aus dem Griechischen übersetzten und „zu den Hausbüchern des deutschen Bildungsbürgertums“ gehörenden, „Homers Odüßee“ (Hamburg 1781). Andererseits der „schon zu Vossens Lebzeiten so gut wie vergessenen“ (S.354) Übersetzung aus dem Französischen des Galland (5).

"Raubdruck" 1811 (Anmerkung 5)

„Raubdruck“ 1811 (Anmerkung 5)

Schuld daran waren u.a. wohl die relativ kleine Auflage und der Bankrott des Verlages, ausschlaggebend jedoch das Selbstverständnis des Übersetzers, der seine vorzüglichen Kenntnisse des Griechischen und ein im Deutschen hohes dichterisches Können eher im Zusammenhang mit den Übersetzungen antiker Werke (u.a. Vergil, Ovid, Horaz) gewürdigt sehen wollte. Hinzu kam der Zeitgeist. „Die Werke der Klassischen Antike galten nunmehr als Träger der höchsten Bildungsgüter“. Das bedeutet zugleich, „dass Israel, die Kulturen des Vorderen Orients und Ägypten nicht mehr ‚Teil jener Vergangenheit‘ waren, ‚die das Abendland sich selber zurechnet‘ (6). Indem er selbst seine Arbeit an ‹Tausendundeine Nacht› ‹vergaß›, wiederholte er persönlich in einer Symbolhandlung die Trennung von den orientalischen Kulturen als den Mitstiftern der europäischen Identität“ (zu all dem Wieckenberg, 376 ff.).

Wieckenberg skizziert auch kurz Leben und Werk Gallands und Voß‘; letzter war der Sohn eines Zollverwalters im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin. Gönner ermöglichten ihm den Besuch der Lateinschule in Neubrandenburg. Späteren Förderern verdankte er ein dreijähriges Studium der Theologie und Klassischer Sprachen in Göttingen. Doch lebte er stets in sehr ärmlichen Verhältnissen. Die Herausgabe eines Musenalmanachs und die spätere Stellung als Rektor einer Lateinschule sicherten ein gewisse Einkommen. Dem – auch angesichts einer inzwischen zu ernährenden Familie mit Frau und zwei Söhnen – sehr willkommenen Angebot eines Bremer Verlegers, Les Mille et une nuit gegen ein angemessenes Salär zu übersetzen, konnte er dank seiner guten Kenntnisse der französischen Sprache freudig Folge leisten.

Wieckenberg untersucht, ob die Voßsche Übersetzung lediglich eine „Brotarbeit“ war, und widmet sich in einem ausführlicheren Kapitel – und für die Bedeutung des Voßschen Textes besonders wichtig – dessen Eigenheiten. Voß begegne einem Lesepublikum, „das in der Dichtung Möglichkeiten der Selbsterkenntnis und Selbstermittlung suche“. Er sei – anders als Galland – in der Lage gewesen, den handelnden Personen Leben einzuhauchen, ihre Schicksale, ihre Liebe und ihr Leiden miterleben zu lassen. „Vossens Gestalten sprechen die Sprache des Herzens, und damit erreicht er seine Leser: ein bürgerliches Publikum“ – das sich zwar vom höfischen des Galland deutlich unterschied, doch sicherlich dem Flair orientalischer Prachtentfaltung gerne erlag. Der Erzählstoff war also, so könnte man sagen, zunächst dem Stilempfinden Gallands „ausgeliefert“, um danach dank Vossens dichterischen Qualitäten, aber auch seiner anderen gesellschaftlichen Prägung entsprechend, in eine schon fast biedermeierlich zu nennende, wenn auch elegante Sphäre, transferiert zu werden.

Ganz bewusst hat Wieckenberg die Schreibweise von Voß nicht verändert, die Besonderheiten der deutschen Sprache des 18. Jahrhunderts blieben erhalten. Sie stören nicht, sondern machen den Text geradezu liebenswert, und das Lesen zu einem wunderbar sanften Dahingleiten durch die Zauberwelt der Geschichten. Wieckenberg bewundert und analysiert selbst die Zeichensetzung des Dichters, die zu einer „atmenden Sprache“ verhelfe. Ob (auch) das bei mir zu der merkwürdigen Assoziation führte, beim Lesen im Hintergrund Mozarts Musik zu vernehmen?

Im Anhang des Buches finden sich noch Angaben zur Quelle der ausgewählten Texte im Voßschen Original, Anmerkungen zur Orthographie (mit einem kurzen „Glossar“), etwas zur Herkunft der Abbildungen sowie Literaturhinweise.

Der Herausgeber, Dr. phil. Ernst-Peter Wieckenberg, war bis zum Jahr 2000 dreiunddreißig Jahre lang Leiter des geisteswissenschaftlich-schöngeistigen Lektorats des Verlages C. H. Beck. Seine Beschäftigung mit Johann Heinrich Voß kommt nicht von ungefähr: Im Vorwort eines Buches (7), das der Verlag seinem Lektor zum Abschied widmete, nennt Wolfgang Beck die Sammlung von Wieckenbergs Lieblingstexten eine Hommage auf den verdienten Freund. Er zählt ihn, der eine ganze Reihe wichtiger Werke des Verlages begleitet hat, zu den „vorzüglichsten Kennern und Liebhabern“ des 18. Jahrhunderts – und Voß war ein wichtiger Autor dieses Zeitalters!

Ernst-Peter Wieckenberg wurde 2007 die Ehrendoktorwürde der Ludwig-Maximilians- Universität München verliehen.

(1) Claudia Ott Tausendundeine Nacht. Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi erstmals ins Deutsche übertragen, Verlag C. H.  Beck, München 2004. (2) Ernst-Peter Wieckenberg (Hrsg.) Ali Baba und vierzig Räuber. Erzählungen aus Tausend und eine Nacht. Nach der französischen Ausgabe von Antoine Galland ins Deutsche übertragen von Johann Heinrich Voß, Verlag C. H. Beck, München 2011, 391 S., 6 s/w Abbildungen, 3 Vignetten, ISBN 978-3-406-61608-2, 22,95 Euro. (3) Mushin Mahdi (1926-2007) The Thousand and One Nights (Alf Layla wa-Layla). From the Earliest Known Sources, Brill Leiden, Part I. Arabic Text (1984a), Part II. Critical Apparatus; Description of Manuscripts (1984b), Part III. Introduction and Indexes (1994). (4) Ernst-Peter Wieckenberg Johann Heinrich Voß, „Tausend und eine Nacht“ und einige vergessene Gedichte, Lichtenberg Jahrbuch 2000, SS. 97-126; Johann Heinrich Voß und „Tausend und eine Nacht“, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, ISBN 3-8260-2372-2. (5) Während Chauvin in seiner Bibliographie des Ouvrages Arabes ou Relatifs aux Arabes Publiés dans l’Europe Chrétienne de 1810 a 1885 die Übersetzung von Voß erwähnt (Bd. IV, S. 54; 1900), ist bezeichnend, dass selbst im Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache (Hrsg. Walter Killy, Gütersloh/München 1992), wo Voß in Band 12, S. 63 ff. penibel behandelt wird, die Übersetzung der Erzählungen aus Tausend und eine Nacht fehlt. Abgesehen von einem Raubdruck bei Franz Haas, Wien und Prag, 1811, (s. Abbildung) wurde das Werk bis zur vorliegenden Ausgabe nie mehr aufgelegt. (6) Jan Assmann Ägypten. Eine Sinngeschichte, München 1996,476. (7) Ein solches Jahrhundert vergißt sich nicht mehr. Lieblingstexte aus dem 18. Jahrhundert. Ausgewählt und vorgestellt von Autorinnen und Autoren des Verlages C.H.Beck, Verlag C. H. Beck, München 2000, 624 S., 18 s/w Abb., ISBN 3-406-46304-5. (WJPich)