„Streunende Gedanken“ von Muhammad Iqbal

Artikel vom 21. Oktober 2012 zuletzt geändert am 11. April 2013

Den „prophetischen Poet und Philosophen“ Muhammad Iqbal, manchen vielleicht noch – und damit viel zu kurz und zu oberflächlich – unter dem Titel eines „Geistigen Vater“ Pakistans bekannt, bezeichnete immerhin Johann Christoph Bürgel noch vor 30 Jahren als „eine der wenigen überragenden Erscheinungen der islamischen Welt zu Anfang unseres (des 20.) Jahrhunderts“.

Kalligraphie mit dem Namen Iqbals in kufischer Schrift (Professor Karl Schlamminger)

Unser Ehrenmitglied Annemarie Schimmel geriet geradezu ins Schwärmen, wenn Iqbals Name fiel; sie widmete ihm ein Buch ¹, viele Aufsätze und – wie auch Bürgel – eine Reihe von Übersetzungen seiner Werke.

Hermann Hesse schrieb in seinem Geleitwort zu Schimmels Übersetzung von Iqbals Buch der Ewigkeit: „Drei Reiche des Geistes sind Quellen seines gewaltigen Werkes. Die Welt Indiens, die Welt des Islam und die des abendländischen Denkens“.

Nun liegt – von unserer Gesellschaft begleitet – die erste vollständige Übersetzung der Stray Reflections, eine Sammlung der von Iqbal ² in wenigen Monaten des Jahres 1910 niedergeschriebenen Gedanken zu den von Herman Hesse apostrophierten drei Reichen vor. Die Texte waren zuerst (1961) von Javid Iqbal, dem 1924 geborenen und noch in Lahore lebenden Sohn des Autors, veröffentlicht worden. Das deutsche Lesepublikum konnte sie schon 1963 in einer kleinen Auswahl in einer Übersetzung von Frau Schimmel kennen lernen.

Die jetzt von Dr. Axel Monte ³, einem guten Kenner der indischen Literatur und renommierten Übersetzer aus dem Englischen, wieder aufgegriffenen Texte wurden von ihm kongenial und nahe am englischen Wortlaut ins Deutsche übertragen. Als er uns antrug, seine Übersetzung zu begleiten, überzeugte uns augenblicklich seine Begründung:

Für den westlichen Leser sind die Stray Reflections als erster Zugang zu Iqbals Geisteswelt hervorragend geeignet, zumal er sich darin intensiv mit dem Verhältnis von Orient und Okzident beschäftigt. In Anlehnung an Weischedels Gedanken, dass ein Leser, der nicht unbedingt ein geschulter Philosoph ist, sich einem großen Denker zuweilen einfacher und besser über die „philosophische Hintertreppe“ nähert, also eher den Dienstboteneingang als das Hauptportal seiner großen Werke (im Falle Iqbals z.B. sein philosophisches Hauptwerk Die Wiederbelebung des religiösen Denkens im Islam) benutzt, erschließt sich einem Iqbals Denken durch die Aphorismen der Stray Reflections, eingebettet in Anmerkungen und erhellenden Vor- und Nachworten. Man lernt ihn quasi, wie Iqbal in Notat 110 selbst sagt, als „menschliches Wesen“ kennen, „trotz all der Kants und Hegels in meinem Kopf.

Monte bekräftigt seine Gedanken noch einmal auf dem Umschlag des Buches:
Nationen werden in den Herzen der Poeten geboren, sie gedeihen und sterben in den Händen der Politiker.« So lautet ein Eintrag aus dem Notizbuch des indischen Dichter-Philosophen Muhammad Iqbal (1877-1938), das er – wohl angeregt durch die Lektüre von Goethes Maximen und Reflexionen – im Jahr 1910 zeitweilig führte. Diese Streunenden Gedanken, wie Iqbal die zumeist kurzen Notate nannte, enthalten bereits etliche Grundzüge seines späteren dichterischen und philosophischen Werks, das ihn als einen der bedeutendsten muslimischen Denker des 20. Jahrhunderts ausweist. Für den deutschen Leser von besonderem Interesse sind zudem Iqbals enge Verbundenheit mit Deutschland (Studien in Heidelberg, Promotion in München), seine Beschäftigung mit deutscher Philosophie und die Bewunderung für Goethe: »Kein Volk kann sich ähnlich glücklich schätzen wie die Deutschen. Sie haben Heine hervorgebracht zu einer Zeit, als Goethe noch unbeschwert aus voller Kehle sang. Zwei ununterbrochene Frühlinge!«

Die islamische Welt, auch die Indo-Muslimische, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert und Iqbals Gedanken tragen davon recht wenig. Dennoch erscheint es gerade heute sehr spannend – nicht selten sogar entspannend – den gelegentlich auch als Geistesblitze daher kommenden Gedanken eines Mannes zu folgen, der einen ungeheuer weiten Horizont hatte, der um den Bestand seines Glaubens in einer als drückend empfundenen Gegenwart fürchtete, und dennoch – wenn auch nicht frei von Irrtümern – weit in die Zukunft dachte.

Streunende Gedanken

Das Buch enthält neben den 125 plus 10 Notaten Iqbals auch das 1961 von Dr. Javid Iqbal, einem Richter a.D. des Obersten Pakistanischen Gerichtshofes, beigegebene erläuternde Vorwort; wir danken ihm für die Erlaubnis, auch seinen Text übersetzt in die Ausgabe einzubeziehen.

Das Nachwort von Dr. Christine Oesterheld vom Südasien Institut in Heidelberg, einer renommierten Spezialistin für Urdu – eine literarische Variante des Hindustani und lingua franca des nördlichen Subkontinents -erhellt ebenfalls die Gestalt Iqbals, der einige Bücher in dieser Sprache geschrieben hat. Seit 1947 ist Urdu die Staatssprache Pakistans. Oesterheld hat speziell zu Iqbal gearbeitet und weltweit Konferenzbeiträge geliefert.

Last but not least freuen wir uns, dass Professor Karl Schlamminger eine Kalligraphie mit dem Namen Iqbals in kufischer Schrift gestaltet hat, die dem Buch als Frontispiz beigegeben wurde.

¹ Zu den erwähnten Büchern von Annemarie Schimmel und Johann Christoph Bürgel siehe die Anmerkungen zum Geleitwort der Gesellschaft unter Ziffer 6 des Kapitels „Geförderte Publikationen“ in dieser Website.
² Muhammad Iqbal geboren am 3. November 1871 in Sialkot (nördliches Pandschab) an den Vorbergen des Himalaya, Besuch der schottischen Missionsschule seiner heimatstadt, geht 1895 nach Lahore, 1897 M.A. an der dortigen Universität, 1901 erstes Gedicht in Urdu, 1905-1907 Studium Jura und Philosophie aufgrund eines Stipendiums in Cambridge, 1907 kurz nach Heidelberg, am 4.11.1907 Promotion bei Friedrich Hommel an der LMU München (Dissertation in englischer Sprache The Development of Metaphysics in Persia), danach nach London, wo er für kurze Zeit Arabisch lehrt, baldige Rückkehr nach Lahore, wo er einige Zeit am Government College lehrt und bis 1934 als Rechtsanwalt praktiziert. Iqbal stirbt am 21. April 1938 in Lahore, erlebt also die 1947 erfolgte Gründung Pakistans nicht mehr.
³ Axel Monte ge­bo­ren 1962; Stu­di­um und Ma­gis­ter (1992) Eth­no­lo­gie und In­do­lo­gie am Süd­asi­en-In­sti­tut der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg, an­schlie­ßend Pro­mo­ti­on (1995) im Fach Kul­tur­wis­sen­schaf­ten (Dr.​phil.) an der Uni Bre­men, frei­be­ruf­lich tätig als Über­set­zer, Her­aus­ge­ber, Autor und Eth­no­lo­ge, ab 2009 Her­aus­ga­be der Schrif­ten­rei­he Books Ex Ori­en­te, lebt in Mün­chen. Über­set­zun­gen u.a. Charles Di­ckens, Oli­ver Twist; Khushwant Singh, Der Zug nach Pa­kis­tan; D.H. La­wrence, Lady Chat­ter­leys Lieb­ha­ber; R.L. Ste­ven­son, Emi­grant aus Lei­den­schaft; Jack Black, Der große Aus­bruch aus Fol­som Pri­son; Ra­bin­dra­nath Ta­go­re, Meine Kind­heit in In­di­en sowie zahl­rei­che an­de­re Schrif­ten aus dem asia­ti­schen Kul­tur­raum.

Muhammad Iqbal: Streunende Gedanken. Aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Axel Monte. Mit einer Einführung von Javid Iqbal und einem Nachwort von Christina Oesterheld, Books Ex Oriente, München 2012, 160 Seiten, eine Kalligraphie von Karl Schlamminger, broschiert, ISBN 978-3-98151153-1-2, 14,50 €.

In der alle zwei Monate erscheinenden Zeitschrift SAUDI ARAMCO world, Ausgabe September/Oktober 2012, erschien ein Artikel über Muhammad Iqbal von Gerald Zarr, einem früheren Officer des US Foreign Service, der 20 Jahre in Pakistan gelebt hat: Muhammad Iqbal’s Caravan of Verses. Der reich bebilderte Beitrag wird mit folgendem Text eingeleitet: „Muhammad Iqbal war ein Dichter-Philosoph, dessen Vision eines Heimatlandes für die Muslime Indiens ihn zu einem geistigen Vater Pakistans machte, einer Nation, die neun Jahre nach seinem Tod aus der Teilung Britisch-Indiens entstand. Pakistan feiert Iqbals Geburtstag als Nationalfeiertag und auch Indien ehrt ihn. Sein ‚Song of India‘ wurde zur inoffiziellen Nationalhymne Indiens, im Weltall gesungen von Indiens erstem Astronaut als er 1984 den Subkontinent überflog. In Afghanistan wird Iqbal von jedermann zitiert, von den Taliban über Feministen bis zu demokratischen Aktivisten. Im Iran ist er als „Iqbal von Lahore“ bekannt und wird wegen der Schönheit seiner Poesie und Liebe zur persischen Sprache gerühmt. Überall in Südasien zitieren ihn Gebildete so wie es die Amerikaner mit Walt Whitman oder Robert Frost zu tun pflegen“. Den vollständigen Artikel über Muhammad Iqbal in SAUDI ARAMCO world finden Sie hier. Die für Interessierte kostenlos erhältliche Zeitschrift wird von der Oilgesellschaft Saudi Aramco in Houston, Texas, herausgegeben. Die Firma wurde vor über 75 Jahren als ein internationales Unternehmen gegründet. Über die Firma gibt Wikipedia hier Auskunft, die Zeitschrift erreicht man hier. Alle Beiträge seit den 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts sind in der Website online abrufbar.