EOTHEN V – Rezension

Artikel vom 14. Juni 2012 zuletzt geändert am 24. April 2013

Die erste Rezension unseres neuen „Jahrbuchs“ entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Autors Dr. Michael Buddeberg der Website der Preetorius Stiftung.

EOTHEN V – Münchner Beiträge zur Geschichte der Islamischen Kunst und Kultur

„Die Leser dieser Zeilen mögen dem Rezensenten nachsehen, dass Einleitung und Abspann zu dem soeben erschienenen Band V von EOTHEN, Wort für Wort der Rezension des Bandes IV im Jahre 2007 entnommen sind. Sie passen einfach:

Alexander William Kingslake (1809-1891), ein schottischer Historiker, Politiker und Schriftsteller veröffentlichte im Jahre 1844 in London seine sehr persönlich gehaltenen Reiseerinnerungen an eine Reise durch den vorderen Orient. Ihr Titel war „Eothen, or traces of travel brought home from the East“. Eothen ist schlicht mit „aus dem Orient“ zu übersetzen und so gesehen ist der Titel der in lockerer Folge von der Münchner Gesellschaft der Freunde Islamischer Kunst und Kultur herausgegebenen Jahrbücher durchaus zutreffend, wenn auch recht allgemein.

Vielleicht waren es ja die von A. W. Kingslake im Untertitel erwähnten Spuren, die zur Wahl dieser Bezeichnung führten, denn EOTHEN berichtet von Spuren, die anderthalb Jahrtausende islamischer Kunst und Kultur im Orient und im Okzident hinterlassen haben. Und wie das so ist mit Spuren, sie verlaufen in alle möglichen Richtungen, sie kreuzen und überschneiden sich, manche sind undeutlich und nur schwer zu entschlüsseln und wieder andere führen zu neuen Erkenntnissen und Zielen.

Frontispiz einer Ausgabe von 1911

Der neue Untertitel von EOTHEN V „Münchner Beiträge zur Geschichte der islamischen Kunst und Kultur“ trägt der Neuerung Rechnung, dass nicht nur überarbeitete Texte von Vorträgen für die Gesellschaft – aktuell aus den Jahren 2003 bis 2009 -, sondern darüber hinaus auch relevante Aufsätze von der Gesellschaft nahe stehenden Autoren aufgenommen wurden. So entstand wieder ein buntes Kaleidoskop von weit gefächerten Themen, das Architektur, Dichtung, Geschichte und Kalligraphie ebenso umfasst wie Bildende Kunst und Sammlungsgeschichte zur Islamischen Kunst und Kultur.

Beginnen wir gleich mit der Sammlungsgeschichte: Der vom Umfang bedeutendste Beitrag der insgesamt 13 Essays befasst sich mit den Sammlungen von Peter und Jutta Schienerl und ist durchaus als eine Hommage an den im April 2001 verstorbenen Gründervater der Münchner Gesellschaft zu verstehen. Wer Peter Schienerl gekannt hat, wusste um seine Sammlerleidenschaft für Schmuck und Amulette und natürlich für Bücher.

Münze mit Carolus IIII sowie Imitation (S. 110)

Wie umfassend seine Sammlung wirklich war, dass sie alle Arten von Schriftgut, Hausrat und Küchenutensilien, Spielzeug, Textilien, Schreibgerät, Keramik und Musikinstrumente, um nur die wichtigsten Bereiche zu nennen, umfasste, erfahren wir aus der Arbeit von Sophie Gerber. Besonders zu begrüßen ist, dass die Autorin die Sammlungen von Jutta Schienerl, obwohl das Ehepaar seit den 80er Jahren getrennt lebte, mit einbezogen hat. Auch Peter Schienerl hat die überwiegend in Ägypten entstandenen Sammlungen als eine Einheit angesehen und so geht hier jedenfalls virtuell sein großer Wunsch der Zusammenführung der Sammlungen in Erfüllung. Peter Schienerls Sammlung, soweit sie nicht zu seinen Lebzeiten an das Wiener Völkerkundemuseum ging, wird entsprechend seinem letzten Wunsch am Völkerkundemuseum in Dresden verwahrt, die Sammlung von Jutta Schienerl ging nach Oldenburg und Wien.

Bleiben wir bei der materiellen Kultur: Reingard Neumann befasst sich mit einer der Malerei nahe stehenden Veredelungs- und Konservierungstechnik, die zauberhafte Bucheinbände, Federkästchen, Tabletts und andere Gebrauchsgegenstände hat entstehen lassen. Wir lernen, dass sich die islamische Lackkunst von allen anderen, insbesondere den ostasiatischen Lackkunsttechniken unterscheidet und dass es den Künstlerin mit allerlei Kunstfertigkeit und Tricks gelang, die unterschiedlichsten optischen Effekte zu erzeugen.

Ostasien und insbesondere China spielt natürlich in dem Aufsatz von Deniz Erduman-Calis über Kobaltglasuren bei Keramik eine wesentliche Rolle, denn das chinesische „Blau-Weiß“ hat nicht nur Europa, sondern auch die islamische Welt fasziniert und zum Sammeln, Experimentieren und Kopieren angeregt. Der Porzellanschatz des Topkapi-Museums und „Blau-Weiß“ aus Iznik sind nur zwei der vielen angesprochenen Themen.

Gänzlich immateriell und doch dem Luxus verhaftet ist eine von Johann Christoph Bürgel verfasste Buchbesprechung von Mehr Ali Newids Buch über Aromata in der persischen Dichtung. Newid selbst kommt mit einem Beitrag zu einer der schillerndsten Figuren der persischen Dichtung zu Wort und schildert, wie in der Dichtung von Hafis das Mystische und Geheimnisvolle und die Wirklichkeit ineinander übergehen, ohne dass man die genaue Grenze zwischen beiden wahrnehmen kann.

Über Grenzen der Wahrnehmung schreibt auch Karl Schlamminger, denn für den Laien ist es oft schwer zu entscheiden, wo in der Architektur das Ornament endet und die Kalligraphie beginnt. Sein Beitrag über die „Schrift des Maurers“, die Kalligraphie in der islamischen Architektur ist für den Rezensenten eine treffliche Überleitung zu weiteren Essays über Bauwerke.

In dem Beitrag von Heribert Busse über die Verwandtschaft und Realität von Felsendom und Grabeskirche in Jerusalem finden wir die These, dass die Hauben der Münchner Frauenkirche der Kuppel des Felsendoms nachempfunden sind. Wie weit der Hinweis auf eine knapp 30 Jahre vor der Fertigstellung der Türme publizierte Abbildung diese These trägt, mag jeder für sich entscheiden.

Vue de la seconde cour intérieure du Sérail (S. 46)

Mehr den architektonischen Tatsachen, vor allem dem konstruktiv meisterhaften Übergang zwischen dem würfelförmigen Baukörper und der halbkugelförmigen Kuppel widmet sich Dieter Kickingereders Aufsatz über das Samanidenmausoleum in Buchara. Ebenfalls ein Architekturthema ist die von Machiel Kiel zusammengetragene, sorgfältige Bestandsaufnahme osmanischer Baudenkmäler auf dem Balkan, die man auch dahingehend zusammenfassen kann, dass es leichter ist, eine Moschee zu sprengen als sie zu restaurieren. Astrid Debold-Kritters Analyse von Mellings 1819 erschienenen Ansichtenwerk ist mit der Wiedergabe von 26 dieser schönen Veduten von Konstantinopel und dem Bosporus erfreulich reich illustriert.

Bleiben noch die Beiträge von Lorenz Korn über die Baugeschichte Jerusalems nach der Eroberung durch Saladin, Tilman Nagels andere Geschichte des Islam und Nasser Rabbats Überblick über Monographien zur islamischen Kunst und Kultur.

EOTHEN V ist ein Kaleidoskop fundierten Wissens, ein Sammelwerk hoher Qualität mit brillanten Beiträgen namhafte Autoren. Doch Qualität hat ihren Preis. 60 Euro sind eine Menge Geld.

Mitglieder der Gesellschaft bekommen Eothen gegen eine Schutzgebühr fast geschenkt. Aber Mitglied kann man werden. Jederzeit! Näheres unter www.freunde-islamischer-kunst.de.