Soviel Koran in Deutschland war nie

Artikel vom 9. Juli 2010 zuletzt geändert am 21. Februar 2013

So beginnt Stefan Wild 1) eine kurze Besprechung der neuesten Übersetzung des Heiligen Buches der Muslime, die fr-online.de am 22. März 2010 ins Netz stellte; man findet den Beitrag schnell auf der MZIS Website. Wild erwähnt die große Auswahl aktueller, auch ausgefallener Veröffentlichungen. Ich weiß nicht, wo der Koran als Comic erschienen sein mag; den – so meine ich – nicht gänzlich gelungenen Versuch eines „jugendgerechten“ mit Erläuterungen gibt’s schon bei C.H.Beck 2).

Die länger erwartete neue Übertragung des Korans von Hartmut Bobzin 3) liegt seit Ende März 2010 vor. Zur Beurteilung würden eigentlich schon der wissenschaftliche Ruf und die Sprachgewandtheit des Autors, die Erfahrung und Sorgfalt des Lektors (Dr. Ulrich Nolte) sowie die Seriosität des Verlages C.H. Beck genügen. Stefan Wild führt zunächst aus, warum „jeder Übersetzer (des Korans) eine dreifache Portion Tollkühnheit“ brauche, wenn er sich dieser Aufgabe stelle. Solche Eigenschaft billigt er Hartmut Bobzin ohne Einschränkung zu, und nennt dann dessen Text eine „unaufdringliche, respektvolle Übertragung“. Er schließt seine kurze Besprechung unter Verwendung eines Goethewortes. Der Dichterfürst meinte zum Koran (ihm lag, soweit man weiß, nur die Megerlin’sche Übersetzung vor), der „Körper dieses heiligen Buches“ – das ihn zwar ebenso anwidere wie anziehe, auch in Erstaunen versetze – nötige ihm „am Ende aber Verehrung“ ab. Daher Wilds Facit: „Am Ende Verehrung“ – dürfen wir auch von der vorbildlichen Übertragung Hartmut Bobzins sagen“.

Sicherlich werden weitere Rezensionen die fachlichen und sprachlichen Qualitäten des Textes noch ausführlicher würdigen. Dem Laien bleibt nur eine Beschreibung, ergänzt um die Anmerkung, dass mir noch nie das „Weiterlesen“ im Koran so leicht fiel, wie hier – weshalb ich das Buch immer wieder zur Hand nehmen werde. Die beigefügte Tabelle (→ Anlage) versteht sich als „Wegleitung“ von der ältesten zur neuesten Übertragung aus dem Arabischen ins Deutsche; „secundäre“ Übersetzungen gab es vorher und nachher zahlreich. Die Zusammenstellung gibt jeweils nur ein paar Stichworte zu der Ausgabe von Megerlin über die bislang schönste (von Rückert, so Annemarie Schimmel), die „amtliche“ aus Medina, bis hin zu der von Bobzin. Es mag in Bobzins Buch beweiskräftigere Textpassagen für die erleichterte Lesbarkeit geben als die in der Anlage verwendete Sure 1, doch wird sein Stil hier bereits deutlich.

Positiv vermerkt sei die vom Verlag gut überlegte „Darbietung“ des Textes: ohne Fußnoten, dafür mit einem überaus reichhaltigen Anhang, ein lockerer Drucksatz, wunderschöne Kalligraphien, die alle Suren krönen sowie weitere im Buch verstreute Schmuckelemente; alles ermuntert zu der naturgemäß nicht immer leichten Lektüre. Wählte Megerlin noch den „falschen Propheten“ für das Frontispiz, so zeugt die Ausstattung, die Bobzin und Beck dem Buch angedeihen lassen, auch vom Wandel im Umgang mit dem Koran. Wappnete man sich in alter Zeit mit Übersetzungen vornehmlich zur Abwehr des „falschen, ja feindlichen“ Glaubens, so erscheint uns heute das respektvolle Kennenlernen des „zweiten heiligen Buches“ (Wild) als unabdingbar für das Verständnis der alltäglich erfahrbaren anderen monotheistischen Religion.

Im Anhang gibt es neben einem Glossar ein “Stellenverzeichnis“ sowie zu jeder Sure umfangreiche Erläuterungen auf über 170 Seiten; dessen nicht genug, wird auf einen geplanten Kommentarband hingewiesen, der einen noch wesentlich tiefergehenden wissenschaftlichen Apparat anbieten wird. Bobzin begründet in seinem Nachwort, warum er – wie zunächst wohl geplant – davon abgesehen hat, die von ihm besonders geschätzte Rückert’sche (Teil)Übersetzung zu ergänzen (S. 607 f.). Neben unabdingbaren Eingriffen hätte das Nebeneinander alter und moderner Sprache zu Stilbrüchen geführt. In seiner kompletten Neuübertragung sei er jedoch Rückerts „Streben nach philologischer Genauigkeit und dem Bemühen um eine angemessene sprachliche Form“ gefolgt. Zum Schluss äußert der Autor die Hoffnung, dass der gedankliche Reichtum islamischer Korangelehrsamkeit über eine „dringend erforderliche“ historische Auslegung des Korans hinaus irgendwann zu einer fruchtbaren, die Religionszugehörigkeit übergreifenden und von gegenseitigem Respekt getragenen Zusammenarbeit all jener führen werde, die sich um ein zeitgemäßes Verständnis des Korans bemühen. Möge dieses Buch dazu beitragen!

Der Koran. Aus dem Arabischen neu übertragen von Hartmut Bobzin, unter Mitarbeit von Katharina Bobzin. C.H.Beck, München 2010, 831 S. mit 121 Kalligraphien von Chalid Alam. In Leinen, ISBN 978-3-406-58044-4, 38 €.

Inzwischen erschien auch die limitierte und nummerierte Vorzugsausgabe von 1000 Exemplaren in orientalischem Ledereinband mit Klappe, mit marmoriertem Vorsatz und Echtgoldschnitt, im Schmuckschuber, von 1 bis 1000 nummeriert. Preis 128 €.

Daneben gibt es ferner eine Ausgabe im Schmuckschuber mit je einer Originalkalligraphie von Shalid Alam 4) von I bis CXIV nummeriert, also insgesamt nur 114 Exemplare. Jeder Nummer dieser Ausgabe liegt das signierte Original der Suren-Überschrift mit gleicher Nummer bei. Preis 298 €. Lieferung nach Bestelleingang und solange diese Vorzugsausgabe lieferbar ist.

1) Prof. Dr. Stefan Wild lehrte bis 2002 Semitische Philologie und Islamwissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm- Universität Bonn. 2) Der Koran für Kinder und Erwachsene. Übersetzt und erläutert von Lamya Kaddor und Rabeya Müller, C.H.Beck München, 2. Auflage 2008. 3) Prof. Dr. Hartmut Bobzin lehrt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Semitische Philologie und Islamwissenschaft, ist Ordentliches Mitglied der Philosophisch-historischen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften sowie Mitglied unserer Gesellschaft. 4) Der aus Pakistan stammende muslimische Künstler Shahid Alam lebt in Aachen. (WJP)