Soviel Koran in Deutschland war nie – Stimmt das?

Artikel vom 13. Juli 2010 zuletzt geändert am 16. April 2013
Und nun als Frage: Soviel Koran in Deutschland war nie?

Und nun als Frage: Soviel Koran in Deutschland war nie?

Betrachtet man nicht die Anzahl der am Buchmarkt angebotenen und noch angekündigten unterschiedlichen Koran Übersetzungen, sondern den zahlenmäßigen Erfolg einer einzigen, so dürfte die zuerst 1901 erschienene und heute noch unverändert angebotene Übersetzung von Max Henning alle anderen in den Schatten stellen.

Der Verlag Philipp Reclam jun. (1) war so freundlich, mir dazu einige Auskünfte zu geben. Bis Juni 1943 gab es 11 Auflagen mit insgesamt 60 000 (!) Exemplaren. 1960 erschien in unverändertem Wortlaut als erste nach dem Kriege eine neue Ausgabe, zu der Annemarie Schimmel (2) Vorwort und Einleitung sowie eine kurze Bibliographie und eine Konkordanz der wichtigsten Namen und Begriffe beisteuerte. 1979 erreichte diese Ausgabe schon die 8. Auflage, bis zur letzten (1996) erschienen weitere, wozu vom Verlag keine Zahlen erhältlich sind. Die Gesamtauflage dürfte inzwischen die Marke von 100 000 Exemplaren weit überschritten haben. Neben der Originalausgabe bei Reclam gibt es Sonder- und Lizenzausgaben bei anderen Verlagen mit tw. veränderten Texten, insbesondere eine von „Murad Wilfried Hofmann, die auch von deutschen Muslimen, besonders wenn es um Werbung für den Islam (Da’wa) geht, gerne benutzt wird. In diese Übersetzung flossen jedoch viele Interpretationen Hofmanns ein, die den Koran entschärfen, besonders an Stellen, die für das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen charakteristisch sind. Sie glättet auch kritische Stellen im Sinne einer liberalen Islamauslegung und ist daher für den wissenschaftlichen Gebrauch weniger geeignet“. (Auszug aus Wikipedia „Koranübersetzung“).

Sieht man aufgrund ihrer großen Verbreitung die Henning’sche Übersetzung als die populärste – vielleicht meistgelesene -, so mag in Fortführung der Tabelle, die dem vorigen Beitrag beigefügt wurde, auch hier die Gegenüberstellung einiger Textstellen aus der Übersetzung von Bobzin interessant sein → Anlage. Ohne entscheiden zu können, welches die „richtigere“ Übersetzung ist, finde ich auf beiden Seiten schöne Formulierungen. Professor Bobzin schickte mir die in der Anlage verwendeten Texte ohne weiteren Kommentar als Antwort auf meine Frage, welche Stellen er als besonders geeignet ansehe, seine Übersetzung zu charakterisieren.

Zur Frage, ob der Koran ein Buch sei, ob und wie der Text übersetzt werden solle oder dürfe, äußert sich in der FAZ vom 24. 4. 2010 Stefan Weidner  (3) in einer Rezension der Übersetzung von Bobzin. Weidner bespricht außerdem zwei im vorigen Jahr erschienene Koran Ausgaben, von denen die eine ebenfalls direkt aus dem Arabischen, die andere aus dem Englischen übersetzt wurde. Der Autor des Artikels charakterisiert die drei Übersetzer mit mehr oder weniger treffenden Schlagworten; so sieht er in Bobzin den „Akademiker“, dessen Text, wie es scheine, die „beiden Extremvarianten deutscher Korane, die von Paret und den von Rückert, miteinander versöhnen“ wolle. Letztlich falle unter den nun vorliegenden  Übersetzungen die Wahl auf die von Bobzin – auch wenn er ihm den „Hang zum Kommentar und zum Kommentar des Kommentars“ ankreidet.

Zu der Übersetzung von Karimi/Uhde  (4) merkt er an, die Autoren gehörten zu den „Schwärmern“ und würden den Leser mangels Kommentaren „dreist-charmant auf sich selbst“ zurückwerfen, doch wirke die Sprache frisch und sie habe auf eine jugendliche Weise Stil – wenn auch ohne die „zumindest andeutungsweise“ dazugehörigen Reime.

Das Buch von Asad/von Denffer/Kuhn (5) stellt – ähnlich der in der Anlage zur vorangegangenen Besprechung dargestellten Medinensischen Ausgabe (6) – der deutschen Übersetzung den arabischen Text gegenüber. Weidner nennt Muhammad Asad (1900-1992, der eigentlich Leopold Weiss hieß) den „Gläubigen“ und einen „intellektuellen Abenteurer und Islamkonvertiten deutsch-jüdischen Ursprungs“, bei dessen Erst-Übersetzung vom Arabischen ins Englische es „allein auf die ihm genehme theologische Stimmigkeit“ ankomme – „der Wortlaut, zumal bei dieser Zweitübersetzung aus dem Englischen, zählt gar nicht“.

Weidner geht insgesamt mit den Übersetzern etwas rau um, und mir scheint, der Artikel mit der etwas befremdlichen Überschrift „Der Mensch ist nicht aus Tesafilm gemacht“ ist zudem nicht gänzlich frei von Widersprüchen. Allerdings gibt er für das Verständnis des Korans den nützlichen Hinweis auf Michael Cooks Text „Der Koran“ (7).

Tausend und eine Nacht. Aus dem Arabischen übertragen von Max Henning

Tausend und eine Nacht. Aus dem Arabischen übertragen von Max Henning

Die Übersetzungen aus 2009 kenne ich nicht, vielmehr möchte ich noch einmal auf Max Henning zurückkommen. Zum Autor zitiert der Verlag eine Pressestimme (8), wonach Hennings „Identität bis heute nicht geklärt ist“. „Nicht vollständig“ müsste man sagen, schickt mir doch Reclam selbst dazu einiges Material. Das Deutsche Literatur Lexikon nennt Max Hennings Lebensdaten: *18.12.1861 Ruda/Posen (als Sohn eines Mühlenbesitzers), †21.9.1927 Neuhaldensleben. Erwähnt wird neben anderen Schriften zu religiösen und freigeistigen Themen seine Übersetzung des Korans, das Lexikon gibt aber das falsche Erscheinungsdatum (1919 statt 1901) an. Wikipedia kennt nur das Todesjahr, erwähnt jedoch (ohne Datum und genauen Titel) das zweite Hauptwerk „Tausend und eine Nacht. Aus dem Arabischen übertragen von Max Henning“, das seit 1896 kontinuierlich in 24 zwei-nummerigen Bändchen in der Universal-Bibliothek in Leipzig erschien. Die Reihe gab es später in 8 Ganzleinenbänden á 1 M. 50 Pf. Chauvin  (9) notiert sowohl den Koran wie Tausend und eine Nacht. Nur er vermerkt, dass in Bd. 1 (S. 350/51; wohl 1894) der damals von Henning im „Neuer Frankfurter Verlag“ herausgegebenen Zeitschrift „Das freie Wort“ als „Splitter aus dem Koran“ Proben-Textstellen „seiner“ Suren 2, 6 und 93 veröffentlicht wurden.

Der Reclam Verlag überließ mir auch die Kopie des Briefes eines Großneffen von Max Walther Wilhelm Rudolf Henning (wie der volle Namen lautet), wonach der Autor 1894 in Zürich wohnte. Ob Henning, wie eine Erbangelegenheit nahe legt, vorher an der Universität Zürich, ggf. welches Fach, studiert hatte, ist nicht geklärt. Im genannten Brief werden weitere Details aus der Familiengeschichte berichtet. Max Henning ist also kein Phantom, so dass die auch in Wikipedia angedeutete Legende, „Max Henning sei ein Pseudonym des Orientalisten Friedrich August Müller, des Herausgebers der Koranübersetzung von Rückert“, wohl plausibler Grundlagen entbehrt.

(1) Für die Überlassung vieler Informationen danke ich Herrn Dr. Stephan Koranyi, Leiter der Abteilung Rechte und Lizenzen des Verlages Philipp Reclam jun., Stuttgart. (2) Unser späteres Ehrenmitglied war damals Professorin für Religionsgeschichte an der Islamisch-Theologischen Fakultät der Universität Ankara (3) Stefan Weidner, Studium der Islamwissenschaften, Germanistik und Philosophie in Göttingen, Damaskus, Berkeley und Bonn, lebt als freier Autor in Berlin. Übersetzungen arabischer Poesie, Essays, Literaturkritik und Kulturberichterstattung, Schwerpunkt islamische Welt, Redakteur der zweimal jährlich vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift Fikrun wa Fann / Art & Thought, die in den Sprachen Arabisch, Englisch und Persisch erscheint. (4) Der KORAN. Vollständig und neu übersetzt von Ahmad Milad Karimi. Mit einer Einführung herausgegeben von Bernhard Uhde. Verlag Herder, Freiburg 2009, 688 S., ISBN 978-3-451-30292-3. (5) Muhammad Asad Die Botschaft des  Koran. Übersetzung und Kommentar. Übersetzt von Ahmad von Denffer, Yusuf Kuhn. Patmos Verlag, Mannheim 2009, 1264 S, ISBN 978-3-491-72540-9. (6) Herrn Dr. Winfried Riesterer, Bayerische Staatsbibliothek, danke ich für den Hinweis, dass es sich bei „Scheich Abdullah as-Samit“ (deutsch: der schweigende Diener Gottes) um den islamischen Namen von Frank Bubenheim handelt.  (7) Michael Cook  Der Koran. Eine kleine Einführung. Reclam Sachbuch, Philipp Reclam jun., Stuttgart 20094, 222 S., 21 s/w Abb., 1 Karte, ISBN 978-3-15-018652-7. Der Autor ist Professor am Department of Near Eastern Studies derUniversität Princeton. Von Professor Bobzin gibt es in der Beck’schen Reihe WISSEN seit 1999, nun in der 7. (durchgesehenen) Auflage 2007:  Hartmut Bobzin  Der Koran. Eine Einführung. Verlag C.H.Beck, München 2006, 127 S., 3 s/w Abb., ISBN 978-3-406-43309-2. (8) Wohl aufgrund einer Bemerkung von Annemarie Schimmel im Vorwort von Auflagen nach 1960.  (9) Victor Chauvin, Bibliographie des Ouvrages Arabes ou Relatifs aux Arabes publiés dans l’Europe Chrétienne de 1810 à 1885, Liége/Leipzig, (Koran) Bd. X (1907), S. 68; (Tausend und eine Nacht) Bd. IV (1900), S. 100. (WJPich)