
Johann Christoph Bürgel ist am 21. Juni 2026 gestorben; geboren wurde er am 16. September 1931 in Gottesberg, Schlesien, heute Polen.
„Von Hause aus (mein Vater war Pfarrer) hatte ich keinerlei Beziehung zu meinem späteren Berufsfeld, weder zum Orient noch zum Islam.“1 Sein denkwürdiges Leben in diesem Berufsfeld verlief in mancher Hinsicht anders, als er es plante. Der Dekan der Universität Bern, Prof. Dr. Dr. Claus Beisbart und einige seiner Kollegen beschrieben es in einer kurzen Würdigung und verabschie-deten den „international anerkannten Wissenschaftler, „der die Islam-wissenschaft in Bern von 1970 bis zu seiner Emeritierung 1995 geprägt hat. Mit seinen Arbeiten zur arabischen und persischen Literatur, zur islamischen Kulturgeschichte sowie zur Geschichte der arabisch-islamischen Medizin wirkte er weit über die Universität hinaus.“2
Wer von uns das Glück hatte mit ihm in näheren Kontakt zu kommen, sei es bei Vorträgen, Reisen, Lesungen im privaten Kreis oder bei der Vorbereitung und Realisierung von Texten, machte die seltene Erfahrung, dass Christoph Bürgel als Mitglied unserer Gesellschaft die in deren Namen enthaltene Freundschaft nicht nur der Kunst und Kultur des Islam, sondern auch den dafür handelnden Personen entgegenbrachte. Man fühlte sich fast in seine Familie aufgenommen, die in Gesprächen häufig zum Thema wurde. Seine Nähe zu Annemarie Schimmel3 entsprang sicherlich den selben persönlichen Gefühlen, die die beiden auch auf ihren gemeinsamen Reisen begleiteten; die gehörten zu seinen „schönsten Erinnerungen“. Der Aufsatz in EOTHEN bietet einen seltenen Einblick in das recht mobile Arbeitsleben und den wissenschaftlichen Alltag eines Gelehrten. Zuletzt bekennt Bürgel, dass die islamische Kunst ihm, „ähnlich wie die Musik, nur Freude bereitet und Freunde geschenkt“ habe. Der Text ist spürbar durchzogen von der unbändigen Freude, im Beruf und auf Reisen interessante Menschen kennen zu lernen und neue wissenschaftliche Erfahrungen zu machen, woraus dann eine kaum überschaubare Anzahl großer und kleiner Schriften erwuchs. Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek weist genau 75 Einträge auf, doch das sind nur die dorthin zu seinem Namen gemeldeten Schriften; beispiels-weise ist die erwähnte Festschrift für Annemarie Schimmel nicht verzeichnet,
weil sie bei Alma Giese notiert ist, die ebenfalls als Herausgeberin fungierte. Sein wichtiges Buch The Feather of Simurgh. The „Licit Magic“ of the Arts in Medieval Islam erschien 1988 in New York, weshalb es ebenfalls in der deutschen Liste der NB fehlt. Hier nun seien einige Beispiele für seine wichtigen Monographien genannt. Als erste seine 1965 als Buch erschienene Dissertation in Göttingen Die Hofkorrespondenz ‚Adud ad-Daulas und ihr Verhältnis zu anderen historischen Quellen der frühen Buyiden. Als zentrales Werk für Bürgels Verständnis der islamischen Religion und Geistesgeschichte gilt das 1991 bei C.H.Beck erschienene Buch Allmacht und Mächtigkeit. Dieses Werk wurde als einziges auch in Arabisch herausgegeben. Mit der Schrift Studien zum ärztlichen Leben und Denken im arabischen Mittelalter habilitierte sich Bürgel 1968 ebenfalls in Göttingen; sie erschien als Buch bei Brill erst 1996. Das von unserer Gesellschaft 2013 zu seinen Ehren gesponserte und von Mehr Ali Newid und Peter-Arnold Mumm heraus-gegebene Buch Nachtigallen an Gottes Thron gilt als besonders wichtige Sammlung seiner vielsprachigen Studien zur persischen Dichtung, ihrer Symbolik, Ästhetik und geistigen Dimension. Es behandelt unter anderem Nizami, Hafis und Rumi, die drei berühmten persischen Dichter, denen Bürgel mit einer großen Reihe von Übersetzungen aus deren Diwane und Erzählungen über die Verlage C.H.Beck, Manesse und Reclam den Weg in die deutsche Buchlandschaft geebnet hat. Zu seinen grundlegenden Studien zur arabischen Literatur zählt die frühe Arbeit (Göttingen, 1966) Die ekphrastischen Epigramme des Abu Tālib al-Ma’mūni. Texte aus der Urdu-Dichtung Muhammed Iqbals finden sich ausgewählt, übersetzt und erläutert im Buch Steppe im Staubkorn, das 1982 im Universitätsverlag Freiburg herausgebracht wurde.
Ich habe diesen Text mit Hinweisen auf seine eigenen Worte in EOTHEN begonnen. Zu seinem Text sagt er zum Schluss: „Abschließend möchte ich noch einmal sagen, wie dankbar ich meinem Schicksal bin, dass es mich davor bewahrt hat, die Musik als meinen Beruf zu wählen, und mir gewährt hat, sie als Freundin zu behalten, dankbar auch dafür, dass es mich zu einem Beruf geführt hat, von dem ich keine Ahnung hatte, der mir aber die Augen geöffnet hat für so vieles, was ich sonst kaum bemerkt hätte. Es hat meinen Horizont für das Weltgeschehen erweitert und die zwielichtige Rolle der Religionen durchschauen gelehrt. Der Bericht ist zwar [mit 36 Seiten] viel länger geworden als geplant, dennoch kann er nicht vollständig sein und er ist eigentlich nur ein ausführlicheres Curriculum Vitae, angereichert mit allerlei Erinnerungen an Erlebnisse, die ich in Tagebüchern festgehalten habe“. Es lohnt sich sehr, ihn zu lesen, doch er ist in zweierlei Hinsicht unvollständig:
- Zunächst fehlen kurze Hinweise auf seine Ausbildung [aus dem Historischen Lexikon der Schweiz]: 1946/47 „Zwangsumsiedlung“ nach Mitteldeutschland, ab 1949 in Frankfurt. Dort Besuch des Gymnasiums und Ausbildung zum Organisten. 1954-60 Studium der Islamwissenschaften in Frankfurt, Ankara, Bonn und Göttingen. 1960 Dr. phil., 1965-69 Assistent am Seminar für Arabistik in Göttingen. 1968 Habilitation. 1970-95 ordentlicher Professor an der Universität Bern (in Koordination mit der Universität Freiburg), wo er den neu gegründeten Lehrstuhl für Islamwissenschaften aufbaute und den Lehrbetrieb auf literarische Studien ausrichtete. Bürgel organisierte verschiedene internationale Symposien zur Literatur sowie zur Geschichte und aktuellen Situation der islamischen Welt. 1983 Friedrich-Rückert-Preis der Stadt Schweinfurt für die Übersetzung arabischer und persischer Dichtung und 1993 Übersetzerpreis der Stadt Bern. Bürgel wohnte nach Bern einige Jahre in Lörrach.
- Kaum bekannt ist, dass Bürgel seit den frühen Fünfziger Jahren – wie auch Annemarie Schimmel – eigene Gedichte verfasste, deren Anzahl im Laufe der Jahre gewaltig anwuchs und in der schieren Zahl sicherlich die Anzahl seiner wissenschaftlichen Werke als Orientalist übertreffen. Er nutzte dabei Versformen, die zum Teil aus dem Orient stammen. So erschienen 2003 im Band Im Sog oder Anselms Gesänge. Deutsche Ghaselen herausgegeben von Johann Christoph Bürgel hundert seiner Gedichte aus den Jahren 1982/85. Im Vorwort teilt er mit, „der mir seit manchen Jahren bekannte und freundschaftlich verbundene Anselm B.“ habe ihn um die Herausgabe gebeten. Dessen Identität bleibe wunschgemäß im Dunkeln. Anselm habe sich „diesen nom de plume, tachallus, wie man mit einem arabisch-persischen Terminus in der Fachsprache sagt, nur zugelegt für seine Ghaselen“. Es folgen dort noch Ausführungen zum Namen Anselm und zur Ghaselenform. Der hier zum Ausdruck kommende Schabernack findet sich auch in manchen seiner Gedichte, die nicht selten an die Limericks von Annemarie Schimmel erinnern. Übrigens findet man unter Bürgels Texten auch einen Beitrag, in dem er Die Kunst des Ghasels4 erklärt. Weitere Bände mit Gedichten sind 1983 Im Lichtnetz, 2008 Im Rachen der Woge, 2013 Inseln der Hoffnung.
Bürgels Familie teilte in ihrer Anzeige mit, er sei am 21. Juni 2026 friedlich eingeschlafen und „seine Begeisterung für Kunst, Wissenschaft, Sprachen und Musik und seine liebevollen Gedanken werden in uns weiterleben“.
Das gilt genau so für uns, die wir jahrelang mit ihm zusammengearbeitet haben.
Der Tod hat manche Weisen
Im weißen Sandstaub flammende Platanen, am Abendhang der Zug der Karawanen, Der Mond, der kalt als blanke Sichel steigt,- der Tod hat manche Weisen uns zu mahnen. Gleich, welchem Reich wir sonst noch angehören, hier erntet er, hat uns zu Untertanen. Was keimt und reift, was mutig kämpft und siegt, er hält das Feld, erobert alle Fahnen. Er ist der graue Faden der Geschichte, das Fadenkreuz in allem, was wir planen, Der Bilder Fluchtpunkt, letzter Ort bekannter, und Anbeginn von unbekannten Bahnen. Der Pförtner ist er zu dem Geisterreich, das wir wie eine alte Heimat ahnen. Es braucht der Mensch für seine Fahrt zum Thron des Lichts dich, den dunkelen Schamanen. Doch warum wütest du, entreißt das Liebste oft, bedrohst mit Fluten, Beben und Vulkanen? Komm sanft, lass einen Strauß in meiner Hand, mich klopfen an die Fenster meiner Ahnen.
1 So beginnen seine Autobiographischen Skizzen aus dem Leben eines Orientalisten, die er uns für EOTHEN, Münchner Beiträge zur Geschichte der Islamischen Kunst und Kultur, Band VI, 2014, aufschrieb.
2 Aus der Todesanzeige der Universität Bern
3 Die Kalligraphie am Beginn des Textes ziert den Titel der Festschrift, die Bürgel mit einer persönlichen Laudatio seiner verehrten Freundin Annemarie Schimmel zu deren 70. Geburtstag am 7. April 1992 widmete. Die Kalligraphie enthält den in einem Hadith überlieferten Ausspruch des Propheten „Wahrlich, Allah ist schön und liebt die Schönheit“. Ganz am Schluss seiner autobiographischen Skizzen sagt Bürgel noch, dieser Text sei für ihn „zu einer Art – mancherlei unnütze Dogmen ersetzenden – Motto geworden“.
4 In Abhandlungen der Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V., Band 28, Oktober 2011, SS. 103-138. Das hier zitierte Gedicht aus dem März 1984 findet man ebenfalls in diesem Beitrag. Später ist es nochmal im Band Inseln der Hoffnung enthalten.
Werner Joseph Pich