Dr. Razi Hejazian

Mehr als 99 Prozent ihrer langen Geschichte hatten
die Menschen, auf ihre Mobilität bezogen,
eine nomadische Lebensweise. Erst mit dem
Beginn der Sesshaftigkeit vor etwa 10.000 Jahren
ging die mobile Jäger-Sammler-Periode zu Ende.
Das nomadische Leben mit den dazugehörigen
kulturellen Prägungen kann daher als ein Relikt
der gemeinsamen Vergangenheit der Menschen
betrachtet werden. In der überwältigend langen
Periode vor der Sesshaftigkeit hatten die
Menschen sogenannte naturreligiöse Weltanschauungen.
Dazu gehören Animismus, Totemismus
und Schamanismus. In diesem Zusammenhang
findet im Landesmuseum für
Vorgeschichte in Halle (Saale) derzeit eine große
Sonderausstellung über „die Schamanin von Bad
Dürrenberg“ statt.
Dabei lieferten die Arbeiten von Professor Harald
Meller, dem Landesarchäologen von Sachsen-
Anhalt, und einem internationalen Team eine
Reihe spannender Ergebnisse von herausragender
Bedeutung. Anhand der Untersuchungen der rituellen
Grabbeigaben und Skelettreste mit den neuesten
technischen Möglichkeiten konnte eine vor ungefähr
9000 Jahren bestattete Frau als Schamanin
identifiziert werden. Mittlerweile stellt sie einen
der wichtigsten Grabfunde mesolithischer Jäger
und Sammler in Mitteleuropa dar. In der Deutung
des dort praktizierten Schamanismus spielt zum
Beispiel die Beigabe von Rehgeweihen eine wichtige
Rolle. Geweih- und Hörnerkappen finden sich
auch bei Schamanen in Sibirien, Mittelasien und
Nordamerika. Dem Widdergehörn wiederum
kommt in den rituellen Zeremonien der turkmenischen
Schamanen besondere Bedeutung zu. In den
Ausstellung im Landesmuseum
für Vorgeschichte in Textilien der Turkmenen als Träger ihrer Kunst und
Kultur dient es ebenfalls als wichtiges Symbol.
Unsere Ausstellung widmet sich der Glaubenswelt
der Turkmenen und veranschaulicht die Jurte auch
als kultischen Ort. Als textile Behausung mit zahlreichen
gewebten, geknüpften und gefilzten
Teppichen, Taschen, Decken und Bändern bietet
sie die Möglichkeit, die alltägliche, symbolische
und ästhetische Welt der Nomaden kennenzulernen.
Zudem wird das von mir erlebte Widdertanz-
Ritual bei den Goklan-Turkmenen anhand von
Zeichnungen und Gegenständen in der Ausstellung
erläutert. Durch die Beschäftigung mit dem
Schamanismus als gemeinsamem kulturellen Erbe
wird deutlich, dass das tiefe Bedürfnis des
Menschen nach Geborgenheit und einer erlebten
Bindung mit der Welt, in der er lebt, von großer
Bedeutung ist und die Züge einer „natürlichen
Religiosität“ aufweist. Eine Welt-Beziehung, die
für viele auch heute noch beziehungsweise wieder
mit Spiritualität zu tun hat. So gesehen, habe ich
aus der Turkmenen-Region nicht etwa exotische
Darstellungen mitgebracht, sondern Bilder und
Inhalte, die uns an Szenen aus Bad Dürrenberg erinnern.
In Anlehnung an ein Zitat aus Goethes
Faust II kann man sagen: Es ist ein altes Buch zu
blättern / Bad Dürrenberg, Goklan, alles Vettern.
Die neuesten wissenschaftlichen Forschungen, besonders
die Untersuchung archäologischer Funde,
legen nahe, dass die Menschen während 99 Prozent
ihrer Geschichte ohne Kriege ausgekommen sind.
Jäger- und Sammlergemeinschaften kannten zwar
individuelle Aggression. Doch Kriege, unter Ausübung
kollektiver und organisierter Gewalt, häuften
sich erst mit Beginn der Sesshaftigkeit. Dies bedeutet, dass Krieg eine kulturelle Erfindung der letzten rund zehntausend Jahre ist und somit durch
politische und gesellschaftliche Prozesse überwindbar.
So lautet das Credo von Harald Meller
und seinen Ko-Autoren, dem Historiker Kai
Michel und dem Evolutionsbiologen Carel van
Schaik, in ihrem Buch „Die Evolution der Gewalt:
Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen“.
Zu Veranschaulichung dieser tiefgreifenden Erkenntnisse
könnte unsere Ausstellung vielleicht einen
kleinen Beitrag leisten und ihrerseits zum
Nachdenken anregen.
Letztendlich wollen wir auch der Frage nachgehen,
ob es sich bei den Stimmungen und
Eindrücken in der nachgebildeten Jurte in der
Ausstellung um universale Bilder und Erfahrungen
handelt, die eine Eigendynamik und damit eine erinnerungsauslösende
Wirkung entfalten. Das
Erlebnis der Jurte in ihrer Ästhetik, in der Melodie
der Lichteinfälle, im Rhythmus ihres geschwungenen
Aufbaus, in der sinnlichen Magie des Feuers,
in der Geborgenheit unter der umfänglichen
Kuppel, in ihrer meditativen Stille und in der
Schönheit der Farben und Muster auf den Textilien
kann einen im Gemüt berühren, wo die Sprache
nicht hinreicht.
Eines der letzten Verbreitungsgebiete des nomadischen
Lebens erstreckte sich von Kleinasien über
den Kaukasus, Nordwestasien und die zentralasiatischen
Hochebenen und Steppen bis hin zur
Mongolei und dem Nordwesten Chinas. Der damit
verbundene Bautyp der Jurte bietet ein erstaunlich
einheitliches Erscheinungsbild und zeigt in den verschiedenen
Regionen nur geringfügige Variationen.
Die in unserer Ausstellung aufgebaute Jurte wurde von mir 1992 im Nordost-Iran im Rahmen
einer Forschungsarbeit über die Filzarbeiten der
dort lebenden Turkmenen erworben. Ihr Durchmesser
beträgt ca. 4,2 Meter. Damit gehört sie zu
den eher kleineren Jurten; die meisten haben einen
Durchmesser von sechs bis sieben Metern. Im
Nordost-Iran leben etwa zwei Millionen Turkmenen,
die überwiegend den Yomuten, Tekkeh und
Goklan angehören. Zur Zeit meiner Untersuchung
wurde dort kein nomadisches Wanderleben mehr
praktiziert. Die einzelnen Jurten, die in den
Siedlungen aufgestellt waren, waren lediglich von
wenigen älteren Menschen bewohnt oder wurden
für besondere Anlässe wie Hochzeiten und
Schamanen-Zeremonien verwendet.
Die frühere Lebensweise der turkmenischen
Nomaden wurde von den jahreszeitlich wechselnden
klimatischen Bedingungen bestimmt. Im
Winter stellte man die Jurten in den Ebenen mit
milderen Temperaturen auf. Im Frühjahr zog man
mit allem beweglichen Gut und den Tieren in die
Weidegebiete auf den Hochebenen und baute dort
die Jurten auf, bis man zu Kältebeginn im Herbst
wieder das Winterquartier bezog. Dabei spielten
die Transportfähigkeit der Behausungen und die
vorhandenen Tragtiere wie Pferde und Kamele
eine wichtige Rolle. Die Jurten waren in mehrere
Elemente zerlegbar, die einen raschen Aufbau,
Abbau und Transport ermöglichten. So gewährleisteten
sie in Dimension und Gewicht optimale
Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.
Die gängige Bezeichnung für die Jurte in den von
mir bereisten Regionen ist Alazig (Achaj Ewi:
Holzhaus). Die verwendeten Materialien sind
Holz, Wolle und ein wenig Leder. Das Dach be steht aus gebogenen Holzstangen (Ogh), die man
in vorgefertigte Löcher des Dachaufsatzes einhängt.
Die ringförmige Dachkrone (Tunduk,
Toinuk) dient als Luft- und Lichtöffnung genau
über der Feuerstelle. Die Wände (Tarim) bestehen
aus einer zusammenklappbaren Gitterkonstruktion.
Die hierfür verwendeten Holzstangen werden mit
Kamelleder zusammengebunden und bilden vier
Scherengitter. Diese sind an allen Gitterpunkten
durch Seile miteinander und mit der Dachkuppel
verbunden. Die horizontalen Zeltbänder (Dorlug
Jaga), die um den Wandteil herumgelegt werden,
nehmen die seitlichen Schubkräfte des Daches auf.
Beim Alazig der Schahsawan (wie auch beim Tipi
der nordamerikanischen Ureinwohner) leiten die
Holzstangen des Daches die Kräfte direkt in den
Boden ab. Zusätzlich wird zur Stabilisierung bei
starkem Wind ein Halteseil (Organ) von der
Dachkrone im Boden verankert. Dieses Seil spielt,
wie wir noch sehen werden, in der schamanistischen
Zeremonie eine wichtige Rolle. Bei der
Wandzone lässt man einen Teil für die Türöffnung
frei, in die man einen Filzvorhang hängt. Über das
Holzskelett werden schließlich von außen
Schilfrohre (Gamisch) und Bahnen aus Filz (Katschah)
gespannt. Die Deckung kann bei warmem
Wetter im unteren Bereich aufgewickelt werden,
um eine stärkere Luftzirkulation im Inneren zu ermöglichen.
Als funktionales Bauwerk war die Jurte der
Lebensraum mit Wohn-, Schlaf- und Essplatz zugleich.
Das tragbare Zuhause diente zur Erfüllung
der grundlegenden Bedürfnisse ihrer Bewohner.
Durch die Holzkonstruktion und den Filz war der
Schutz gegenüber Wind, Regen und Kälte gewährleistet. Die in der Mitte des Raumes gelegene
Feuerstelle (oder der dort aufgestellte Ofen) spendete
Wärme und Licht und diente der Zubereitung
von Nahrung. Durch die Öffnung in der Kuppel gelangten
Luft, Sonnen- und Sternenlicht ins Innere.
Die Bedeutung der Jurte geht jedoch weit über ihre
physische Form und profane Funktion hinaus.
Eingebunden in die kosmischen Vorstellungen der
Nomaden, besitzt sie rituelle Bedeutung und symbolische
Qualitäten. In ihrem Aufbau und ihrer
Einrichtung spiegelt sie die spirituelle Welt der in
ihr lebenden Menschen wider. So dient sie zugleich
als Andachtsraum und Ort der Ritualhandlung.
Die nomadische Weltanschauung ist durch eine
amistisch-totemistische und schamanistische Tradition
geprägt, die die Natur und das Universum
als eine lebendige, miteinander verbundene Ganzheit
betrachtet. Diese Weltsicht ist im Mikrokosmos
der Jurte manifestiert. Über ihre vier Bestandteile
wurden mir vor Ort folgende Angaben gemacht:
1) Die Wände aus dem umlaufenden, auf dem
Boden stehenden Scherengitter symbolisieren die
Erde und die zyklische Natur des Lebens. Der
Grundriss der Jurte ist jedoch durch die Türöffnung
unterbrochen, was die irdische Endlichkeit
verkörpert. Dieser Form entspricht die periodische
Wanderung der Nomaden, die dem wiederkehrenden
Weideturnus in der Natur angepasst ist.
2) Das kuppelförmige Dach stellt den Himmel beziehungsweise
den Himmelsgott als die Weltseele
(Aalam Ruhe) dar. Von jedem Platz in der Jurte
blickt man in die Kuppel, die sich, wie der Himmel
über den Menschen, immer und überall gleich
wölbt. Die Dachlatten haben keinen Anfang und kein Ende, womit sie die Unendlichkeit symbolisieren.
Dabei ist der Himmel keine rein metaphysische
Idee: Er ist einerseits erhaben und unbegrenzt,
zugleich jedoch durch sein Einwirken spür-
bar und erkennbar, auch in jedem Menschen.
3) Die Feuerstelle mit den Flammen und der aufsteigenden
Rauchsäule symbolisiert die Verbindung
zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen,
dem Endlichen und dem Unendlichen. Diese Rolle
übernimmt der Schamane als spiritueller Spezialist
bei den Zeremonien in der Jurte. Dabei bildet die
Verbundenheit der Elemente die Grundlage dieser
Weltanschauung.
4) In der Mitte der Kuppel befindet sich die Luftund
Lichtöffnung als Eingang ins himmlische
Reich. Die Luft und das Licht fließen durch alle
Elemente hindurch. Damit bestehen die Beziehung
und die Zusammengehörigkeit zwischen Himmel
und Erde, Geist und Materie sowie Seele und
Körper. Diese Dachkrone bleibt Tag und Nacht offen.
Lediglich bei (seltenem) starken Regen und
Schnee wird sie von außen mit einem Filz abge-
deckt.
Damit verkörpern die vier Bestandteile der Jurte
(Wände, Dachkuppel, Feuerstelle und Dachkrone)
die vier Elemente des Kosmos: Erde, Himmel,
Feuer und Luft. Zu diesem Weltbild der
Turkmenen gehören die Naturverbundenheit und
der Einklang zwischen Mensch und Umwelt. Man
sah die Verschiedenheit und die Polarität der
Erscheinungen auf der Erde, die miteinander verbunden
sind ähnlich wie die Elemente des
Scherengitters untereinander und zugleich mit
der Dachkonstruktion. Die vielfältigen Naturerscheinungen sowie die unterschiedlichen
Lebewesen haben Teil an der gemeinsamen
Weltseele. So sind sie gleichwertig beseelt (Animismus)
und besitzen dieselben Ahnen sowie den
gleichen gemeinsamen Ursprung (Totemismus).
Die Kosmologie der Turkmenen zeigt sich nicht
nur im Aufbau der Jurte, sondern sie ist in ihren
Textilien und Teppichen (Knüpf-, Web- und
Filzarbeiten) zu Hieroglyphen geworden. Das wichtigste
Muster besonders in den geknüpften
Arbeiten ist das Gul, ein ovales, viergeteiltes
Motiv. Hier werden die vier Bestandteile des
Universums (Erde, Himmel, Feuer, Luft), wie im
Aufbau der Jurte, in Symbolsprache verkörpert.
Das Gul-Motiv stellt damit ein spirituelles Symbol
dar. Es umfasst alle vier Elemente und umspannt
das ganze Universum. Damit ähnelt es dem Yin-
Yang-Symbol des fernöstlichen Daoismus, in dem
die entsprechenden Bestandteile ein komplementäres
Verhältnis zueinander haben und einander ergänzen
und bedingen. Die Gul-Muster sind besonders
auf den verschiedenen Teppichen auf dem
Boden sowie den Taschen, die an den Wänden hängen,
präsent. Durch diese sinnliche Erfahrung, die
in den Alltag integriert ist, üben und drücken die
Nomaden ihre Beziehung sowohl zur himmlischen
Unbegrenztheit als auch zur irdischen Vergänglichkeit
aus, um möglichst im Einklang mit dem
All zu leben.
Die Motive Widderhorn (Kotschanak, Gotschboynuzi),
Weltenbaum (Lebensbaum: Aalamachaji)
und Vogel (Gusch) in den turkmenischen
Textilien überbringen die Wünsche und Bitten der
Einzelnen dem Kosmos. Sie bekunden gleichzeitig
die Einheit der einzelnen Seelen der Menschen mit der Weltseele. Gerade auf den Filzteppichen, die
ihre ältesten Motive beinhalten, sind Widderhornmotive
in verschiedenen Variationen als
Hauptmuster abgebildet. Das Fellmotiv des
Widders kommt, etwas seltener, besonders in den
Andachtsteppichen vor. Diese Motive sind bei den
nomadischen Textilien sowohl Abwehr- (Amulett:
Gös-deimak) als auch Segenssymbole (Talisman:
Barakat) und entfalten damit apotropäische und zugleich
sakramentale Wirkung. Auch hier ist dem
Symbol eine Ambivalenz inhärent. Es wehrt
Gefahren, den bösen Blick sowie Leid ab und zieht
zugleich Leben, Gesundheit und Glück an.
Doppelkopf-Vogel-Motive bringen zum Ausdruck,
dass sich die Gegensätze ergänzen und erst gemeinsam
das eigentliche Fundament der Wirklichkeit
bilden. Oft erscheinen die Widderhorn- und
Vogelkopf-Motive als Weltenbaum-Symbole, die
die Verbundenheit und Zusammengehörigkeit der
Welten veranschaulichen.
Im Schamanismus existieren keine getrennten,
feindseligen Sphären, die dann je nach
Weltanschauung (Religion, Mythologie) miteinander
versöhnt und verbunden werden sollen oder
sich im ewigen Kampf bekriegen. Die Welt und
ihre unterschiedlichen Ebenen und gegensätzlichen
Pole bestehen als einheitliches Ganzes, das
durch den Weltenbaum (Weltseele, Weltachse) organisch
geeint ist. Kulturhistorisch entstand ein scharfer,
antagonistischer Dualismus (Himmel / Erde,
Licht / Finsternis) in seiner ausgeprägten Form erst
mit dem Übergang zur Sesshaftigkeit. Wie hier
noch erläutert wird, entwickelte er sich nicht
schlagartig, sondern über Jahrtausende. Es werden
getrennte und gegensätzliche Sphären aufgebaut, deren Verbindung dann erst mit Mühe – mit oder
ohne Erfolg – konstruiert wird.
Noch aussagekräftiger und wirkungsvoller kommt
die Weltanschauung der Turkmenen in den rituellen
Handlungen der Schamanen zum Ausdruck.
Während meines Aufenthalts bei den Goklan-
Turkmenen erlebte ich einmal durch einen glücklichen
Zufall eine Zeremonie, die von einem
Schamanen durchgeführt wurde. Es handelt sich
um ein Widdertanz-Ritual mit der Bezeichnung
Porkhani. Nach den Angaben vor Ort bestand
die Aufgabe der Schamanin oder des
Schamanen, neben dem Verabreichen von Heilkräutern,
in der Ausführung dieser Zeremonie.
Schon im Jahr 1992 wurde mir berichtet, dass dieses
Ritual nur mehr selten ausgeführt wird. Bei
meiner letzten Reise im Jahr 2025 konnte ich dort
keine derartigen kultischen Handlungen mehr vorfinden.
An einem Nachmittag versammelten sich ungefähr
dreißig Menschen – Frauen, Männer und Kinder – in
einer großen Jurte. Die Feuerstelle wurde für die Dauer der Zeremonie durch ein festes Seil ersetzt,
das von der Dachkrone senkrecht herabhing. Der
Schamane, bekleidet mit einer mächtigen Kopfbedeckung
aus Widderfell (Telpek) und einem
Mantel (Girmiz Don, Chyrpy), übte seine Konzentration
durch Rezitation bestimmter Verse und
durch immer schneller werdende Bewegungen des
Kopfes und des Oberkörpers. Er verkörperte, wie
das Feuer, die Einheit von Himmel und Erde.
Dann begann er sich allmählich vom Boden zu lösen,
indem er das Seil festhielt und sich mit
Schwung in Bewegung setzte. Seine Drehungen
um die eigene wie auch um die Seilachse wurden
im Takt immer schneller und dann wieder langsamer.
Begleitet wurde das ganze Ritual von der
rhythmischen Musik des Dotars, des zweisaitigen
Langhalsinstruments der Turkmenen. So erreichte
der Schamane allmählich einen Trancezustand und
entrückte dem Alltag. Anwesenden zufolge nahm
er nun die Gestalt eines mächtigen, angriffslustigen
Gebirgswidders (Dach-gotschi) an, dessen
Gewalt und Gefahr es zu bändigen galt. Dem Gebirgswidder als Totemtier wird eine symbolische
und magische Kraft zugeschrieben, die sich
der Schamane aneignet. Er begegnet der Gefahr,
um sie abzuwehren und umzuwandeln.
Ich bemerkte auch einen Mann, der etwas abgerückt
von den versammelten Menschen näher zum
tanzenden Schamanen saß. Er versuchte den
Schamanen mit seinen Körperbewegungen etwas
nachzuahmen. Ihm, als erkranktem und leidendem
Patienten, war diese Heilungszeremonie, vielleicht
auch stellvertretend, gewidmet. Auch die umhersitzenden
Menschen wogten rhythmisch mit der
Musik ihre Oberkörper vor und zurück wie eine
leichte Welle, womit sie in der Zeremonie direkt
mit einbezogen waren. Der in die Ekstase versetzte
Schamane verließ mehrmals das Seil und lief, einen
angreifenden Widder nachahmend, zum
Eingang mit der Filztür. Dabei hielt er seine Hände
mit herausgestreckten Zeigefingern an den Kopf,
um die Hörner des Tieres nachzuahmen. Er bewegte
sich wie ein gewaltiger Widder, der mit seinen
Hörnern kräftig gegen die Filztür stieß. Diese Handlung – bestehend aus dem Drehtanz um das
Seil, der Rezitation von Versen, dem nachahmenden
Angriff und dem Anstoßen des Kopfes wurde
unter rhythmischer Begleitung der Musik so lange
wiederholt, bis der Widder sich zum Botschafter
gewandelt hatte. Der Widder wurde ausgesandt,
um mit seiner Rückkehr die erwünschte Heilung
zu bewirken. Am Ende setzte sich der Schamane
zu dem erkrankten Mann. Er gab und erklärte ihm
die Heilkräuter, die er für ihn vorbereitet hatte. Mit
dem Hineinschlüpfen in die Tiermaske will der
Schamane durch die Verwandlungsfähigkeit des
Totems vorgreifend erzwingen, was er gleichzeitig
durch seine Arbeit als Medizinmann ebenfalls zu
erreichen trachtete. Die Zeremonie dauerte etwa
vier Stunden. Die Gespräche mit mehreren Teilnehmern
nach der Zeremonie ergaben, dass sie
durch ihre Zuwendung in diesem Ritual vor allem
eine Art Grundvertrauen erfahren, das ihnen Halt
und Trost schenkt.
Turkmenen glauben an Tiere aller Art als mythische
Vorfahren. Dabei hat der Gebirgswidder mit
dem kräftigen Gehörn eine besondere Stellung
und eine Vertreterrolle inne, die eine selbstverständliche
Verbindung zur Natur verkörpert. So
handelt es sich beim Widdertanz um die
Verkörperung der Einheit zwischen Naturkraft,
Mensch und Tierwelt. Dabei ist die Hauptaufgabe
dieses Rituals die Fürbitte um Heilung und
Linderung menschlichen Leids. Der gewaltige,
stürmende Widder wird so zum Heilsbringer ein
Inbegriff von Leid und Erlösung zugleich. Die widersprüchliche
Gegenwart des Tieres wird angenommen
und transformiert. Dabei macht sich der
Schamane selbst zum Urheber der erwünschten Heilung. Die Macht des Magiers und der Interpreten
des tradierten Rituals entscheidet über die
Wirkung des Symbols, welche zum Zuge kommt.
Diese kultische Handlung ist damit getanzte
Kausalität: Statt auf Erlösung von außen zu warten,
erzeugt sie unmittelbare Selbstwirksamkeit.
Die in der Weltanschauung der Turkmenen vorhandene
Symbolik, ausgedrückt in den Bildern und
Handlungen wie hier beim Widdertanz-Ritual, sind
eben Antworten auf die Fragen: Woher kommen
elementare Zerstörung, Gewalt und Leid in der
Welt? Wie gehen die Menschen mit der beständig
drohenden Gewalt von Natur und Mensch um und
wie bändigen sie die daraus entstehenden
Gefahren? Diese Fragen durchziehen die gesamten
Kultur-, Kunst- und Religionsgeschichte. Alle
Erscheinungen und Geschehnisse, die man sieht,
aber nicht erklären kann, weil sie den begrenzten
Verstand übersteigen, rufen bewunderndes und beängstigtes
Staunen hervor. Die Ambivalenz des
Staunens liegt darin, dass Faszination und Bedrohung
gleichzeitig darin existieren. Eben dieses
Staunen und die Verbundenheitsbestimmung sind
der Ursprung von Religionen und Mythologien.
Die Gefahr abwehren, das Leben anziehen – das
sind mentale, existentielle Grundbedürfnisse, die
zwei Seiten einer Medaille bilden. Schon erwacht
das Staunen über das Leben selbst, das sich paradoxerweise
aus Geburt und Tod zusammensetzt.
Die Betrachtung von Verschiedenheiten und
Gegensätzen nach dem Prinzip sich abstoßender
Kugeln führt zu antagonistischen Dualismen.
Anders verhält es sich in einem elliptischen
Denkraum, in dem komplementäre Polaritäten
als Antwort auf mentale Grundbedürfnisse entstehen – wie im Schamanismus und in anderen Naturreligionen. Diese gründen auf der epistemischen
Prämisse, die strukturelle Ambivalenz einer
als Einheit begriffenen Kosmologie zu erfassen
(Beispiel: . Diese Kosmologie diente als Medium, um die Einheit des
Ganzen im ständigen Zerfallen und Wiederaufbauen
aus Teilelementen zu erfahren. Mit dem
Prozess des Sesshaftwerdens entstanden vermehrt
Dualismen, welche die Ganzheit und die einheitliche
Welt auflösten. Die Welt wurde zunehmend als
Bedrohung empfunden. Die Folge war, dass der
Mensch seither gegen sie ankämpft und stets bemüht
ist, eine möglichst große Distanz genannt
‚Sicherheit‘ zwischen sich und seine Umwelt zu
bringen. Die natürliche, überlebenswichtige Angst
als Schutzmechanismus wurde dann allmählich immer
mehr von einer chronischen, das Dasein lähmenden
Furcht überschichtet. Nicht mehr die
Verbundenheit, sondern die Angst steht nun im
Mittelpunkt der Bestimmung. Entsprechend werden
die Geißeln der Menschheit in Albrecht Dürers
Holzschnitt ‚Die vier apokalyptischen Reiter‘ als
Krieg, Hungersnot, Pest und Tod personifiziert dargestellt.
Für Søren Kierkegaard bildet die existenzielle
Angst den Grundbezug seiner Reflexionen
über das menschliche Dasein.
Durch das nomadische Wanderleben hatten die
Turkmenen einen engen und unmittelbaren
Kontakt mit ihrer Umwelt. Ihre Geisteswelt war geprägt
von Anpassung an die Natur, die ihnen
gleichwohl stark zusetzte. Jedes Gewitter, jeder
Sandsturm, jede Hitzewelle und jeder Kälteeinbruch
fuhren ihnen buchstäblich in die
Knochen. Sie waren auf die Sonne angewiesen, die
Blitz-Schlangen-Symbol)
ihnen Wärme spendete und den Weg leuchtete, zugleich
aber fürchteten sie ihre Hitze. Sie dürsteten
nach Wasser und fürchteten doch die Flut. Sie hofften
auf Regen und scheuten zugleich den Sturm.
Sie nährten sich von Tieren und fürchteten doch,
von ihnen bedroht zu werden. Es war die gleiche
Natur, die den Menschen bedrohte und beschützte,
versorgte und aushungerte, seinen Durst stillte oder
ihn verdursten ließ, am Leben erhielt oder tötete.
Man erlebte verschiedene und gegensätzliche
Naturerscheinungen und erkannte, dass eben in der
Ambivalenz und der Einheit dieser Gegensätze das
Lebensprinzip selbst steckt. Schon in der
Gegensätzlichkeit des Ein- und Ausatmens handelt
es sich um denselben Atem als der wichtigste
Vorgang des Lebens.
So kam die Erkenntnis nicht von ungefähr, dass die
Natur durch komplementäre Polaritäten funktioniert.
Sie vereinigt Widersprüche in sich, in der
sich Gegensätze als notwendige Teile eines Ganzen
ergänzen und bedingen. Ein strikter Dualismus, bei
dem sich antagonistische Größen in zwei grundlegende,
gegensätzliche Kräfte trennen und ausschließen,
existiert in der Natur als objektiver
Regelsatz nicht. Vielmehr ist diese ausschließende
Dualität ein vom Menschen geschaffenes
Denkmodell. So setzte auch Johannes Kepler bei
den Planetenbahnen anstelle des Kreises die geometrische
Ellipse mit zwei Polen. Das
Sonnensystem sowie Naturerscheinungen überhaupt
sind oval organisiert. Der Kreis ist aufgrund
seiner richtungslosen Form zu statisch; das Streben
nach einem Zentrum mit dem Prinzip „entweder/
oder“ zerreißt. Die Ellipse dagegen baut ein gerichtetes
Energiefeld auf und bringt mit ihren beiden Brennpunkten die Einheit, das Zusammenspiel
und die Vermittlung zwischen zwei Polen zum
Ausdruck. Sie steht für eine ausgleichende Überbrückung
und ein vermittelndes „Sowohl-alsauch“.
In der Kosmologie des Schamanismus gilt entsprechend:
Das Böse steckt im Guten drin. Ein gefährlicher,
angriffslustiger Gebirgswidder fungiert zugleich
als ein heilendes und segensbringendes Tier.
In Bildern und Zeremonien handelt es sich dabei
um ein zweiwertig besetztes Symbol, dessen Pole
ineinander umschlagen können. Die Ambivalenz
gehört zu den Bestandteilen dieses Weltbildes und
Denkraumes. Dabei wird die vorhandene zerstörerische
Kraft des Widders keinesfalls unterschätzt;
für die Nomaden konnte eine Verharmlosung der
Gefahr des Widders tödlich enden. Nachdem der
Schamane in die Rolle des Widders geschlüpft ist,
beginnt er, dessen Angriffe und Gewaltpotenziale
präventiv zu bannen und abzuwehren. Worauf es
im weiteren Verlauf der Zeremonie allerdings ankommt,
ist das Oszillieren zwischen der Abwehr
der zerstörerischen Kraft und ihrer Metamorphose.
Kulturhistorisch könnte sich die These bestätigen,
dass sich mit der Sesshaftigkeit der
Menschen Weltanschauungen und Religionen etablierten,
deren Weltbilder auf einem radikalen antagonistischen
Gut-Böse-Dualismus fußen. Derartig
dualistisch und essentialistisch organisierte
Glaubens-ansätze haben bei der Konfliktlösung,
die kollektive und organisierte Gewalt und Krieg
begleitet, gar begünstigt und legitimiert. Weltdeutungen
nach dem Prinzip sich ausschließender
Gegensätze (der sich gegenseitig abstoßenden
Kugeln) könnten damit hier ihren Anfang genommen haben. So sprach bereits Zarathustra
vor über dreitausend Jahren vom Schöpfergott
Ahura Mazda und vom bösen Geist Ahriman als
Gegenspieler. Für den Manichäismus der
Spätantike im römischen Reich existierte „abso-
lutes Gut versus absolutes Böse“, was im
Einklang mit dem aristotelischen Grundsatz des
Widerspruchs stand: „A ist nicht zugleich Nicht-
A.“ Demgegenüber steht die komplementäre beziehungsweise
ambivalente Logik des Schamanismus,
in der sich scheinbare Gegensätze als
Eigenschaften eines Ganzen bedingen und nicht
ausschließen: „A und Nicht-A als Eigenschaft
von X schließen sich nicht aus.“
In den dominanten Strömungen der großen monotheistischen
Religionen wurden antagonistisch geprägte,
dualistische Weltbilder übernommen. Engel
und Dämonen, Gott und Satan existieren hier als
unversöhnliches Gegensatzpaar fort obwohl es innerhalb
dieser Religionen stets auch andere
Auffassungen gegeben hat, insbesondere im
Bereich der Mystik. Dies zeigt eine religionsübergreifende
Übereinstimmung, die stets verknüpfend
gewirkt hat. Für die Religionsstifter selbst war
womöglich eine an ihrer jeweiligen Zeit und ihrem
Ort ausgerichtete Interpretation der aus der
Menschheitsgeschichte stammenden „natürlichen
Religiosität“ ausschlaggebend, die dem menschlichen
Wesen nahesteht und dieses sogar signifikant
prägt.
In dieser Frage war für manche philosophischen
Schulen nach der Aufklärung der englische
Philosoph Thomas Hobbes federführend. Für ihn
sind die sich ausschließenden und bekämpfenden
Dualismen für die Menschheit die eigentliche Norm. Er sprach vom „Krieg aller gegen alle“ als
Naturzustand des Homo sapiens. Andere Denker,
wie der Genfer Jean-Jacques Rousseau, hielten ein
entgegengesetztes Menschenbild mit dem kooperativen
und friedliebenden Wesen des Menschen dagegen. Die Aufteilung der Welt in zwei unüberbrückbare
Gegensätze, „das Gute und das Böse“,
dient auch und gerade heute als ideologisches
Werkzeug innerhalb autokratischer, theokratischer
und totalitärer Strategien. Der Krieg wird so für
unvermeidbar erklärt, um weltliche, religiöse und
ökonomische Interessen durchzusetzen und zu legitimieren.
In der Praxis baut der antagonistische
Dualismus mit einer radikalen Licht-Finsternis-
Metaphorik zur Beschreibung des Weltverlaufs fortlaufend
den Sündenbock-Mechanismus auf und
führt letztendlich in einen Teufelskreis aus Hass
und Rache.
Die hier beschriebene Praxis der schamanistischen
Handlung stellt einen rationalen Ansatz zur
Gefahrenbändigung dar und macht deren Akteure
zu Protagonisten einer ausgleichenden Konfliktlösung.
Sie beginnt mit der Annäherung an die
Bedrohung, setzt sich mit der Vorbeugung und
Abwehr fort und findet in der Metamorphose der
Gefahr vorläufige Vollendung. Interessanterweise
finden wir viele Züge dieser Weltanschauung heute
in unserem modernen Demokratieverständnis wieder.
Dazu gehört, dass Mehrdeutigkeiten und
Widersprüche als wesentlicher Teil des Zusammenlebens
akzeptiert werden eine Haltung,
die wir als Ambivalenztoleranz für unverzichtbar
halten. Doch auch die Demokratie braucht Verteidigung
und Wehrhaftigkeit. Sie muss stets auf einem
schmalen Grat zwischen einem naiven
Pazifismus und einer gefährlichen Gewaltspirale
balancieren.
Gleichzeitig offenbart „das Böse steckt im Guten
drin“ eine fundamentale Paradoxie und ein
Dilemma des menschlichen Kulturschicksals:
Womöglich werden weder weltliche noch religiöse
Unrechtsregime und menschenverachtende Gesinnungen
endgültig verschwinden. Darin liegt die
Tragik der menschlichen Geschichte. Wir können
einerseits auf Prävention und Abwehr setzen, andererseits
auf Verbundenheit und Besonnenheit
(Sophrosyne). Mit der Annahme der Ambivalenz
und der Polarität der Erscheinungen wird das
strenge Gut-Böse-Schema weitgehend aufgehoben.
Eine kontinuierlich ausgleichende Überbrückung
und Vermittlung treten ein. Weder für „Auge um
Auge, Zahn um Zahn“ wird zu plädieren sein, noch
scheint die „Feindesliebe aus der Bergpredigt“ zu
funktionieren. Eine weiterführende humanistische
Position ist sich dieses Spannungsverhältnises bewusst
und versucht, in einem elliptisch organisierten
Denkraum zwischen den Polen und Extremen
fortwährend zu navigieren.
Könnte unser heutiges Demokratieverständnis seine
Ursprünge womöglich in naturreligiösen
Weltsichten wie dem Schamanismus haben? Hängt
unser heutiges Engagement für Umweltschutz und
die Bewahrung der Natur nicht mit dem
Animismus zusammen? Über dem Eingang der
Jurte in der Ausstellung haben wir das Wort „Mnemosyne“
angebracht. Als Göttin der Erinnerung
kann sie angerufen werden. Vielleicht brauchen
wir lediglich eine Erinnerung an die über 99 Prozent
unserer Geschichte, die vor der Sesshaftigkeit
lagen – mitsamt ihrer Bildprägungen und Vorstellungswelten. Die Jurte und die mit ihr verbundenen
Weltbilder rücken von ihrer bisherigen exotischen
Bedeutung ab und wandeln sich zu Medien
der Rückbesinnung. So vermögen sie in ihrer Bedeutung
aufgrund ihrer fortdauernden Aktualität sowohl
Ursprünglichkeit als auch Gegenwart zu verkörpern.
In der Frage, ob die Leiden des Menschen an und
in der Kultur geheilt werden können, vermittelt
Schamanismus einen ausgeprägten Optimismus.
Einerseits knüpft er an die Verbundenheit zwischen
dem Menschen und seiner Umwelt an, andererseits
setzt er auf einen vorgreifenden Glauben
an Selbstermächtigung für eine ausgleichende
Konfliktlösung. Ein endgültiger Sieg wird im
Schamanismus (zumindest auf der Erde) ebenfalls
nicht in Aussicht gestellt.
Fazit
Der Widdertanz als kultische Zeremonie bei den
Turkmenen will etwas Reales bewirken. Dafür
wird die Symbolbildung eingesetzt. Die Metaphorisierung
und das darauffolgende mythische
und symbolische Denken schaffen den notwendigen
Raum als Andachtsraum oder Denkraum, in
dem die folgenden Elementargedanken erschlossen
und die realen Aufgaben erreicht werden:
- Durch den Akt der Einverleibung des Widders
das Hineinschlüpfen in seinen Leib – werden die
Verflechtung und die Einheit zwischen Mensch
und Umwelt verkörpert. Dies beginnt mit einer
Anknüpfung an die Natur durch die Tierwelt, bis
der Schamane zusammen mit den Teilnehmern im
Ritual ihre bestehende Vereinigung erfahren. Hier
geht es weitgehend um das Bedürfnis des
Menschen nach einer erlebbaren Bindung an die
Welt, in der er lebt. Dieses Bestreben nach
Transzendenz und Spiritualität ist ohne Konfession
und erweist sich als „natürliche Religiosität“.
Folglich scheint diese schrankenlose Welt-
Beziehung für die Turkmenen ein befreiendes
Erlebnis zu bedeuten.32 Es entsteht eine Geborgenheit
bei den Beteiligten, aus der sie Zuversicht
und Gelassenheit schöpfen. - Für den Schamanen und die Teilnehmer in diesem
Ritual ist die Polarität und Ambivalenz der Mächte
die zerstörerische wie die heilende Kraft – dem
Wesen des Widders in der Natur und als Symbol immanent.
Als zweiwertiges Symbol schlagen seine
Pole ineinander um: Er ist Ausdruck tödlicher
Gefahr und zugleich Zeichen der Wiedergeburt so-
wie der Heilung aus Todesnot.33 Es wird kein antagonistischer
Gut-Böse-Dualismus projiziert.
Jede Seele birgt einen Abgrund mit dunkelsten
Energien und zugleich ‚das Himmlische‘ in sich,
was das Leben erhält und die Welt bewahrt. Aus
dieser Grunderkenntnis erwachsen folgende
Maximen:
Erstens: Der Widder enthält beide Möglichkeiten
in sich; die Macht des Schamanen und der
Teilnehmer entscheidet, welche Wirkung sich entfaltet.
Indem sich der Schamane im Tanz mit dem
Widder verbindet, macht er sich zum verursachenden
Prinzip der erwünschten Heilung. Der
Unbestimmtheit der Vorgänge in der Natur stellt er
damit seinen Willen und seine Heilungskraft entgegen.
Es wird nicht auf eine Erlösung von außen
gehofft und gewartet, sondern eine Selbstermächtigung
bewirkt. Durch die Metamorphose
des Widders bezwingt er die widerstrebenden
Kräfte von Mensch und Natur. So wandelt sich der
Widder zum Segens- und Heilbringer.
Zweitens: Selbstwirksamkeit ist ein vorgreifendes
Narrativ, dem keine Tatenlosigkeit folgt. Der
Schamane ist zugleich der Medizinmann, der über
ein umfangreiches Wissen zu Heilpflanzen und
Heilungsverfahren verfügt. Er überreicht der behandelten
Person die entsprechenden Mittel.
Drittens: In dem Ritual geht es darum, die vom
Widder ausgehende Gewalt ohne Gewaltanwendung
zu bändigen. Man verkehrt mit dem gewalttätigen
Wesen so, dass es willig oder wenigstens
ohne von seiner Zerstörungseigenschaft
Gebrauch zu machen an der Zeremonie teilnimmt.
Das Tier wird nicht geopfert. Es findet kein blutiger
Opfertod (Opferkult) statt, sondern es zeigt
sich die Besonnenheit (Sophrosyne) am Werk.34
Die Jurte ist die Manifestation der Einheit von
Himmel und Erde, Geist und Materie. Die
Jurtenbewohner und der Schamane trennen die
Sphären nicht als separate Bereiche. Die
Wechselwirkung zwischen Welten wird aufgezeigt
und ihre komplementäre Polarität als das eigentliche
Fundament der Wirklichkeit begriffen. Die
Prozesse der Fragmentierung und der damit zusammenhängenden
Entstehung eines Gut-Böse-
Dualismus haben sich hauptsächlich mit dem Übergang
zur Sesshaftigkeit im Gang gesetzt.
Hierdurch veränderte sich das menschliche
Denken grundlegend. Es etablierte sich eine binäre
Logik (wie innen/außen, mein/dein, Kultur/Natur),
um die neu entstehenden Grenzen und soziale
Ordnungen zu strukturieren und zu verteidigen.
Das feste Haus schuf die klare Trennung von innen
(geschützter Wohnraum, das Eigenes) und außen
(Wildnis, das Fremdes). Die Welt wurde zunehmend
in gegensätzliche Paare wie Kultur (bebautes
Feld) versus Natur (unberührte Landschaft) eingeteilt.
Diese Prozesse wurden dadurch beschleunigt,
dass mit der Entstehung großer Siedlungen und
Stadtstaaten die Komplexität der Strukturen stets
zunahm. Das duale Denken teilt die komplexe
Realität in klare Gegensätze auf und vereinfacht
die vielschichtigen Informationen stark. Ein Gut-
Böse-Dualismus setzt damit eine Komplexitätsreduktion
und eine selektive Wahrnehmung voraus.
Dabei hängt die bewusste oder unbewusste
Vereinfachung einer unüberschaubaren Welt merkwürdigerweise
auch mit einer zunehmenden anthropozentrischen
Weltsicht zusammen.
Die Frage bleibt, inwieweit es heute gelingen wird,
die Ambivalenz der Erscheinungen zu erfassen, die
Welt wieder als Einheit zu begreifen: sie im ständigen
Zerfallen und Wiederaufbauen aus Teilelementen
zu erfahren, die duale Logik und die geteilte
Welt zusammenzuführen und gewissermaßen
eine Synthese zuzulassen – eine Zusammenfügung
des so lange gespaltenen Weltbildes!









