Nachtigallen an Gottes Thron. Studien zur persischen Dichtung

Artikel vom 17. Dezember 2014 zuletzt geändert am 28. März 2015

Johann Christoph Bürgel: Nachtigallen an Gottes Thron. Studien zur persischen Dichtung. 
Dr. des. David Arn, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für den Nahen und Mittleren Osten der Ludwig-Maximilians-Universität München im Bereich Arabistik/Islamwissenschaft, stellte uns freundlicherweise die nachfolgende Besprechung der Buches zur Verfügung. Siehe dazu auch das Kapitel „Geförderte Publikationen“ in dieser Website.

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Johann Christoph Bürgel: Nachtigallen an Gottes Thron. Studien zur persischen Dichtung

Wohl kaum ein europäischer Wissenschaftler hat sich einen solchen Verdienst um die Erschließung der persischen Literatur erworben wie Johann Christoph Bürgel, der von 1970 bis 1995 den Lehrstuhl für Islamwissenschaft an der Universität Bern inne hatte. Manchem Leser dürften seine Übersetzungen klassischer persischer Epen wie Nezamis Chosrou und Schirin oder der Ghaselen von Hafez diese magische Ideenwelt überhaupt erst zugänglich gemacht haben.

Es ist den beiden Münchner Wissenschaftler Mehr Ali Newid und Peter-Arnold Mumm zu verdanken, dass nun sechzehn zentrale Studien von Bürgels Beschäftigung mit der neupersischen Literatur, die nur einen Teil seiner reichen und vielfältigen Forschungstätigkeit repräsentieren, in einem Band vereinigt sind, und so das Fachpublikum wie die interessierte Leserschaft zur genussvollen Lektüre einladen. In ihrer Eloquenz und Tiefsinnigkeit sind diese Artikel eine Referenz an die unerreichten persischen Dichter Hafez, ‘Attar oder Rumi – und immer wieder an Nezami, der die poetische Beredsamkeit mit den titelgebenden Gesängen der Nachtigallen an Gottes Thron vergleicht. Bürgel ist sich der Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit einer adäquaten Übertragung der persischen Dichtung ins Deutsche sehr bewusst; davon zeugen die detaillierten Artikel über die deutsche Übersetzung von Hafez’ Diwan durch Josef Hammer-Purgstall, welche diesen wohl größten persischen Dichter Goethe zugänglich gemacht und ihn zu seinem eigenen, West-Östlichen Diwan inspiriert hatte (Der östliche Zwilling. Gedanken über Goethe und Hafis); über die deutsche Wiedergabe Hafez’ durch den in Erlangen tätigen August von Platen (Platen und Hafis); und insbesondere über die kongenialen Übertragungen von Hafez’ Ghaselen durch Friedrich Rückert (Kommt, Freunde, Schönheitsmarkt ist). Doch lässt ihn diese Übersetzungsarchäologie nicht verzweifeln, im Gegenteil, sie regt ihn selbst zu formvollendetem dichterischem Nachempfinden an, die den gesamten Band bis zum eigenen Schlussgedicht durchweben. Wie tief diese Beschäftigung mit Form und Inhalt der berühmten persischen Gedichte und Versepen geht, davon zeugen die präzisen literaturwissenschaftlichen Studien etwa zu Nezamis Selbstreflexion als Dichter (L’autoportrait de Nizami dans sa qasida „Roi des Rois“); generell zum Verhältnis von Realität und Fiktion in der arabischen und persischen Literatur (Reality and Fiction in Classical Arabic and Persian Literature); oder zum Bedeutungswandel von zentralen Motiven wie etwa der vorerst namenlosen „Turan-Maid“ von Nezamis Haft Paikar zu Puccinis Turandot (Turandot – von Nizami bis Puccini). Schön wird hier klar, wie nahe Macht und Ohnmacht der Sprache liegen! Doch ebenso wie der Weiterentwicklung dieser Stoffe in der persischen wie europäischen Kultur gilt Bürgels vergleichender Blick der Herkunft und Frühentwicklung solcher Motive. Dies gilt insbesondere für die zentrale Thematik dieses Bands, ja von Bürgels Schaffen überhaupt: die Liebe! Die Annäherung an die durchdringende Kraft der Liebe in der persischen Poesie geschieht in umsichtiger und scharfsinniger Weise und immer unter Beibehaltung eines letzten unverrückbaren Schleiers, welcher diese Kraft umso zauberhafter in Erscheinung treten lässt. Die Bedeutungen dieser trunkenen Liebe werden Schicht für Schicht herausgeschält, ausgehend von vorislamischen Vorbildern wie insbesondere der enthaltsamen und tödlichen Schicksalshaftigkeit der udhritischen Liebe; über die verspielte doch handfeste Erotik der frühen romantischen Versepen; bis hin zur selbstlosen Auslieferung an Gottes allumfassende Zuneigung durch die berühmten persischen Mystiker. In der Deutung dieser oft homoerotisch beschriebenen Liebe und der Weintrunkenheit, beides frühe Motive der arabischen wie auch später zentrale Themen gerade der persischen Dichtung, verfällt Bürgel nicht den Fallstricken einer einseitigen Lesart; realsinnlicher Lebensgenuss bleibt eng verknüpft mit der überwältigenden und torkelnden Liebe zu Gott, insbesondere bei Hafez. Diese sorgfältige und vielschichtige Interpretation basiert wesentlich auf den gelungenen, wort- und sinngenauen Übersetzungen.

Der Sammelband offeriert dem Leser eine tiefe Einsicht in die Entwicklung zentraler Liebesmotive, ausgehend von Gorganis frühem Liebesepos Wis und Ramin über Nezamis fünf (chamse) Versepen hin zur mystischen Liebesdichtung eines Sana’i, ‘Attar oder Rumi. Wiederholt ist es aber Nezami, welcher im Zentrum von Bürgels Faszination von der persischen Dichtung steht. Speziell hier offenbart sich Bürgels eigene Liebe zur persischen Liebesdichtung, besonders hier fesselt seine kenntnisreiche kritische Deutung. Seine Sympathie gilt unverhohlen der Frau, deren unerschütterliche und treue Liebe er etwa bei Chosrou und Schīrīn oder Laila und Madschnun der häufigen Wankelmütigkeit und schieren Trieblust des Mannes entgegengestellt und dieser somit überlegen sieht (Die Frau als Person in der Epik Nizamis). Überhaupt reiht sich Bürgels Schaffen in die sozial- und religionskritische Lesart etwa eines Fritz Meiers ein, richtet er doch seinen Blick immer wieder auf vom strengen Traditionalismus abweichende Aspekte der persischen Literatur und Geschichte. Neben der selbstbewussten, man möchte sagen „emanzipierten“ Frau der romantischen Versepen oder der mitunter rein hedonistischen Zecherei in Hafez’ Diwan ist dies etwa die zentrale mystische Figur des antinomistischen und liederlichen Wanderderwischs (rend / qalandar) (Ambiguity: A Study in the Use of Religious Terminology in the Poetry of Hafiz); die okkulten Wissenschaften wie die Magie oder die Astrologie und deren Bedeutung in Nezamis Iskandarname (Die Geheimwissenschaften im Iskandarname Nizamis); oder die Figur Alexanders des Großen und dessen Entwicklung vom Kriegsfürsten zum prophetengleichen Philosophenfürsten neuplatonischer Ausrichtung (Krieg und Frieden im Alexanderepos Nizamis). Wie an vielen weiteren Stellen scheinen auch hier die umfassenden Kenntnisse der islamischen Philosophie und Theologie wie überhaupt der islamischen historischen Tradition des Autors durch. „Die Welt ist Liebe, sonst nur Blendwerk viel – ein leeres Spiel, wär’ nicht der Liebe Spiel“. Mit diesem programmatischen Zitat schließt der letzte Aufsatz von Bürgels Sammelband ab, und nicht zuletzt um der Liebe zur persischen Dichtung Willen sei dessen Lektüre hier wärmstens empfohlen!

Nachtigallen an Gottes Thron. Studien zur persischen Dichtung von Johann Christoph Bürgel, herausgegeben von Mehr Ali Newid und Peter-Arnold Mumm. Wiesbaden: Dr. Ludwig Reichert Verlag 2013, 298 S., ISBN 978-3-89500-948-8, 68.- €.