„Staub von der Erde“ Eindrücke und Nachgedanken zu unserer Reise ins Zweistromland von Stefan Jakob Wimmer

Artikel vom 22. April 2026

Der erste Programmpunkt unserer Reise nach Irak und Kuwait, vom 26.10. bis 8.11.2025, war Samarra, nördlich von Bagdad: die im 9. Jh. buchstäblich aus dem Lehmboden gestampfte Kalifenhauptstadt mit ihrem weltberühmten spiralförmigen Minarett. Millionen und Abermillionen Lehmziegel. Wer Ägypten besucht, wird mit Stein konfrontiert; Kalkstein, Sandstein, Rosengranit. Wer aber die Kulturen Mesopotamiens besucht, ist umgeben von Lehm. Weil es unnötig komplizierte Einreisebestimmungen nicht anders zuließen, mussten wir in Bagdad starten und, um den Norden und den Süden des Irak kennenzulernen, hunderte Kilometer doppelt zurücklegen. In einem zugegeben kuschlig-kompakten, aber doch sehr engen und, je nachdem wer wo saß, mühsam-unbequemen Bus. Die Kurdische Autonomieregion im Nordosten sparten wir aus, denn sie hatten wir Freunde Abrahams 2021 bereist – und damals kam der Wunsch auf, den gesamten Irak kennenzulernen. Es dauerte dann ein paar Jahre, bis wir uns das trauten. Denn mit Irak verbinden wir im „Westen“ noch immer tief sitzende Schreckensnachrichten von Kriegen und Terror. Dabei hatte der Papstbesuch von Franziskus, ebenfalls 2021, auch zeigen wollen, dass das Land diese Zeiten hinter sich lassen möchte. Und während jüngst in Gaza, in Libanon, Syrien, Iran und Jemen Krieg wütet(e), blieb der Irak die ganze Zeit ruhig und stabil. Um es kurz zusammenzufassen: Unsicher fühlen wir uns zu keiner Zeit und an keinem Ort während unserer gesamten Reise. In Mossul, wo Da’esh (die Terrororganisation, die gerne hätte, dass wir sie „Islamischer Staat“ oder „I.S.“ o.dgl. nennen – was wir keinesfalls tun sollten) von 2014 bis 2017 entsetzlich gewütet hatte, erlebten wir unbeschreibliche Herzlichkeit.

Sahen die Zerstörungen des kulturellen Erbes und die Bemühungen um Wiederaufbau. Konnten in einem neu ausgegrabenen Stadttor von Niniveh stehen – der einstigen größten Stadt der Welt, Hauptstadt des Assyrerreiches, als es auf dem Höhepunkt seiner Macht war, sogar Ägypten bezwang und Jerusalem bedrohte (aber eben nicht eroberte – was wahrscheinlich die Heiligkeit des Tempelberges dort historisch begründete), und von der die biblische und koranische Jonas-Geschichte erzählt. Sein Hauptgott Assur, nach dem das alte Kultzentrum und das ganze Volk benannt war, manifestierte sich als Geländevorsprung am Tigris, auf dem wir eine Zikkurat, einen Stufenturm, bestaunen und betreten konnten – mitten in und unter Massen von Lehmziegeln. In Bagdad waren leider das Archäologische Nationalmuseum und der legendäre Abbassidenpalast wegen Renovierungen geschlossen (allein schon zwei Gründe, nochmal hinzufahren). Wir waren in einen Gottesdienst der syrisch-katholischen Gemeinde eingeladen, der an Allerheiligen vom aus Beirut angereisten Patriarchen zelebriert wurde. Der betete das Vaterunser auf Aramäisch und Deutsch und entschuldigte sich bei dem anschließenden Empfang, dass es keine Spätzle gab. Wir konnten die islamischen heiligen Städte Kufa, Nadschaf und Kerbala besuchen, zu denen besonders schiitische Muslime aus aller Welt pilgern. Für Frauen wird dort komplette Verhüllung verlangt – aber andere Einschränkungen gibt es für NichtMuslime dort keine. Wir wurden willkommen geheißen und konnten uns völlig ungehindert in den Menschenmengen bewegen und an die sehr glanzvoll umbauten Gräber von Imam Ali, des Schwiegersohnes des Propheten Mohammed, und von Alis Sohn Hussein, dessen Leiden und Sterben infolge der Schlacht von Kerbala die Trennung von Schiiten und Sunniten bewirkte, gelangen. Lesen Sie dazu den Beitrag von Ottmar Fuchs im aktuellen Heft der Blätter Abrahams (s. Seite 135-162)! Auch eine ehemalige jüdische Pilgerstätte, das Grab des Propheten Ezechiel, konnten wir besuchen. Die hebräischen Inschriften liegen frei, und das alte Bauwerk wird als schiitische Moschee bewahrt und weiter gepflegt, denn Muslime dort identifizieren Ezechiel mit dem koranischen Dhu-l-Kifl. Früher pilgerten die Gläubigen über sogenannte Religionsgrenzen hinweg oft gemeinsam zu den Heiligen Stätten. Vor der Gründung des Staates Israel – dem der heutige Irak offiziell streng feindlich gesinnt ist – waren die Juden „Babyloniens“ ein wesentlicher Bestandteil der Gesamtgesellschaft und für viele, viele Jahrhunderte die bestreng feindlich gesinnt ist – waren die Juden „Babyloniens“ ein wesentlicher Bestandteil der Gesamtgesellschaft und für viele, viele Jahrhunderte die bedeutendste jüdische Gemeinschaft der Diaspora. Über den Talmud, der dort entstand, lesen Sie bitte ebenfalls im aktuellen Heft der Blätter Abrahams (‚Ein Münchner Talmud‘). Als die Elite Jerusalems 586 v.Chr. von Nebukadnezzar dorthin ins Exil geführt wurde, zogen sie durch das Ischtar-Tor von Babylon, das im Vorderasiatischen Museum in Berlin wiederaufgebaut wurde. Vor Ort steht dekorativ ein verkleinerter Nachbau. Saddam Hussein, der 2003 von der US-geführten Koalition gestürzte Abrahams Post 48/2026 17 Diktator, hat in Babylon einige Bauten rekonstruieren lassen, sodass der Ort ein Hauptanziehungspunkt für (vor allem Inlands-)Tourismus ist. Der südliche Landesteil, zwischen Bagdad und Basra, wird inzwischen zunehmend von internationalen Touristen bereist. Dort liegt auch Ur mit seiner imposanten, ebenfalls teilrekonstruierten Zikkurat. Weil die Bibel dieses Zentrum der Verehrung des Mondgottes Sin zu einem Ursprungsort Abrahams erklärt, war Ur immer schon ein Wunschziel für uns Freunde Abrahams. Und für Papst Franziskus, der dort, von Vertretern der vielen, vielen Religionen des Irak umgeben, gesagt hat: „Hier, wo unser Vater Abraham lebte, scheint es uns, als würden wir nach Hause zurückkehren. (…) Wenn wir nach tausenden Jahren den gleichen Himmel betrachten, erscheinen dieselben Sterne. (…) Von diesem Quellort des Glaubens aus, vom Land unseres Vaters Abraham aus bekräftigen wir: Gott ist barmherzig und die größte Beleidigung und Lästerung ist es, seinen Namen zu entweihen, indem man den Bruder oder die Schwester hasst. (…) Wer den Mut hat, die Sterne zu betrachten, wer an Gott glaubt, der hat keine Feinde, die er bekämpfen muss.“ In den legendären Sümpfen, da wo Eufrat und Tigris zusammenfließen, konnten wir Architektur aus Schilf bewundern – so wie sie praktisch unverändert seit mindestens 5.000 (fünftausend!) Jahren tradiert wird und in den Flutmythen des GilgameschEpos eine zentrale Rolle spielt. Zum Schluss überquerten wir, nach sehr langwierigen Visumsformalitäten, die Grenze in das kleine Nachbarland Kuwait. Eine andere Welt, voller Hochhäuser und Shopping Malls. Aber wir schafften es auch dort, auf der Insel Failaka zu den Anfängen der Kultur zu gelangen und einen gedanklichen Bogen nach Bahrain zu schlagen, wo wir am Ende der letztjährigen Freunde-Abrahams-Reise (SaudiArabien und Bahrain, 2024) der Dilmun-Kultur begegnet sind. (Noch einmal: im aktuellen Heft der Blätter Abrahams steht mehr dazu.) Schließen will ich da, wo die „Zivilisation“ begonnen hat, wo Menschen zum ersten Mal überhaupt eine Stadt erbauten: Uruk ist heute eine schier endlose, fast leere Lehmfläche. Die Töpferscheibe wurde dort erfunden, davon inspiriert vielleicht sogar das Rad. Die Schrift – Keilschrift auf Tontafeln – nahm in Uruk ihren Anfang. Sodass der Lehm die Architektur generierte (Ziegel), den Alltag umfasste (Keramik), das geistige Schaffen ermöglichte (Schrift). Und – nicht zufällig stellt es der biblische Schöpfungsbericht so dar – schuf Gott auch den Menschen selbst, den Adám, aus „Staub (hebr. afár) von der Erde (hebr. adamáh)“, also aus dem Lehm Mesopotamiens. Zu diesem „Staub“, so die Bibel weiter, kehrt jeder Mensch wieder zurück, so wie auch die Städte wieder zu Lehmflächen geworden sind. Die schiitischen Muslime folgen sogar beim Gebet dem Brauch, bei der Verneigung mit der Stirn einen sogenannten Gebetsstein zu berühren, der in Wirklichkeit eine runde Scheibe aus gepresstem Lehm ist (arab. turab, „Erde/Lehm“).

Danken möchte ich den Mitarbeiter*innen von Alsharq-Reise (Berlin), die uns eine der großartigsten Reisen überhaupt ermöglicht haben, besonders Rosa Kurdo fürdie Organisation, ihrem Mann Albaqer Jafeer, der uns engagiert begleitete, und Lanah Haddad, die uns, wie schon in Kurdistan, ihr Heimatland erschloss. Den Menschen, die uns – nach all dem Leid – überall offen und überaus freundlich und herzlich begegneten, haben wir versprochen, zuhause weiterzusagen: Den Irak zu besuchen ist nicht nur möglich – es ist lohnend, mehr als sich in Worte fassen lässt.