Die palästinensischen Universitäten und ihre besondere Beziehung zu Deutschland

Artikel vom 21. April 2026 aktualisiert am 21. April 2026

In Deutschland redet es sich heute schwer über Palästina: unfassbar die Brutalität der Kriegsführung dort, ebenso unfassbar die Einseitigkeit der Stellungnahmen und die Ritualität des öffentlichen Redens hier. Dementsprechend schwer redet es sich auch in Palästina über Deutschland. – Thema dieser Vortragsreihe ist die hierzulande kaum bekannte palästinensische Universitätslandschaft und ihre besondere Beziehung zu Deutschland. Eigentlich geht es um die große Frage, wie die palästinensischen Universitäten es schaffen, ihren Dozierenden und Studierenden jenseits von Flucht, Verzweiflung und Gewalt einen vierten Weg zu eröffnen. – (Parallel zur palästinensischen Universitätslandschaft, aber nahezu unverbunden mit ihr, gibt es auch eine israelische. Auch diese ist stark vom Krieg geprägt, auch diese hat eine lange und starke Beziehung zu Deutschland. Aber die dreizehn israelischen Universitäten funktionieren anders als die palästinensischen und die deutsche
Öffentlichkeit redet über sie ganz anders. Daher sind sie nicht Thema dieser Vortragsreihe.)

Workshop 1: Der Sehnsuchtsort Palästina – Mittwoch, 6. Mai 2026, 16:15-20:00 Uhr, Schellingstraße 3, 80799 München, Hörsaal S006.

Das Land zwischen Jordan und Mittelmeer ist ein globaler Sehnsuchtsort. Christlich gesprochen ist es das Land von Geburt, Leiden und Auferstehung Christi, jüdisch das Land der Verheißung und das Land Israels, muslimisch das Land von Nachtreise und Himmelfahrt, für alle drei das Land der Auferstehung am Ende der Zeit, säkular besonders auch das Land sozialer Gerechtigkeit. Seit langem für immer weitere Kreise ein Sehnsuchtsort, ist es heute global omnipräsent und doch seltsam unbekannt. Dementsprechend unklar, ja undefiniert sind die gerade genannten Konzepte. – Für alle dort und von dort ist die globale Sehnsucht nach ihrem Land sowohl vielversprechende Chance als auch schwerlastende Hypothek.

1 Prof. Dr. Andreas Kaplony (LMU München, Arabistik und Islamwissenschaft): „Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, soll meine Rechte verdorren“: 2500 Jahre Sehnsuchtsort Palästina.

2 Prof. Dr. Tamar Novick (Technische Universität München, Technikgeschichte): “Palestine is a Natural Garden and Must Be Restored to Its Original Condition”: Colonial Visions and Settler Technologies in the 20th Century.

3 PD Dr. Stephan Milich (Universität zu Köln, Islamwissenschaft): „Bewohne, mit mir, meinen Körper“: Heimatbestimmungen in der zeitgenössischen palästinensischen Lyrik.

Workshop 2: Deutsches Reden über Palästina – palästinensisches Reden über Deutschland – Donnerstag, 7. Mai 2026, 16:15-20:00 Uhr, Schellingstraße 3, 80799 München, Hörsaal S006. Chair: Prof. Dr. Thomas Hanitzsch (LMU München, Kommunikationswissenschaft / Journalismusforschung und Präsident der International Communication Association).

In Deutschland folgt das Reden über Palästina harten Regeln. Zwar ist es selbstverständlich erlaubt, (auch öffentlich) über einen, zwei oder drei künftige Staaten nachzudenken, und ebenso, Folter, Aushungern und entmenschlichende Rede mit klaren Worten zu geißeln. Aber Politik und Medien wiederholen fast ausschließlich Altbekanntes, nehmen Neues kaum auf, verbreiten reflexartig jeden Vorwurf von Antisemitismus und drohen so mit gesellschaftlicher Ächtung. – Dementsprechend zwiespältig ist das Selbstbild der Palästinenserinnen und Palästinenser in Deutschland.

4 PD Dr. Peter-Arnold Mumm (LMU München, Sprachwissenschaft): Tabu und Provokation: der Kampf ums Sagbare in historischer Perspektive.

5 Prof. Dr. Wesam Amr (Gaza University, Communication Studies / University of Cambridge, Digital Humanities): Media, Identity, and Otherness: A Bi‑Directional Analysis of Media Representations in Germany and Palestine.

6 Dr. Sarah El Bulbeisi (LMU München, Arabistik und Islamwissenschaft): Tabu und Trauma: Palästinenser:innen in Deutschland und der Schweiz.

Workshop 3: Das Bildungssystem Palästinas – und Deutschland – Donnerstag, 21. Mai 2026, 16:15-20:00 Uhr, Schellingstraße 3, 80799 München, Hörsaal S006. Chair: Prof. Dr. Martin Sökefeld (LMU München, Ethnologie).

Deutschland prägt seit 150 Jahren mit den auch zum deutschen Abitur führenden evangelischen und katholischen Missionsschulen das palästinensische Bildungssystem, zahlreiche palästinensische Intellektuelle sprechen deutsch und diverse Professorinnen und Professorinnen der zwölf palästinensischen Universitäten sind in Deutschland ausgebildet worden. – Aber im Westjordanland lasten die Einschränkungen von über 50 Jahren Militärverwaltung schwer auf den Dozierenden und Studierenden. Und im Gazastreifen sind Unterricht und Forschung fast nur noch online möglich, nachdem alle Universitätsgebäude, wie mehrfach in den letzten 20 Jahren, zerstört worden sind.

7 Katja Dorothea Buck, M.A. (Fachjournalistin für religiöse Minderheiten und Religionsfreiheit im Nahen Osten, Tübingen), Deutsche Bildungspioniere im Heiligen Land: Bedeutung und Erbe der deutschen evangelischen und katholischen Mission im Schulsystem von Palästina.

8 Prof. i.R. Dr. Helga Baumgarten (Birzeit University, ehemalige DAAD-Professorin für Politologie): 50 Jahre palästinensische Universitäten: Freiheit von Lehre und Forschung unter Besatzung?

9 Prof. Dr. Ahmed Abu Shaban (Al-Azhar University Gaza, Agricultural Studies / York University Toronto, Environmental and Urban Change): From Weakening to Annihilation: Higher Education and the Systematic Destruction of Universities in Gaza.

Möchten Sie über alles Nachdenken und Reden hinaus den Wiederaufbau der Bildungslandschaft des Gazastreifens unterstützen, kommen Sie an einen geschlossenen Fundraising-Anlass von Caritas International. Und erfahren aus erster Hand, wie heute humanitäre Hilfe in den Gazastreifen kommt und dort verteilt wird. Anmeldung: https://www.caritas-international.de/aktionen/anmeldung-vortrag-26-05-26.

Das vollständige Programm finden Sie hier: https://www.naher-osten.lmu.de/wasistlosaminstitut/veranstaltungen/universitaeten_1/universitaeten. —

Prof. Dr. Andreas Kaplony
Ludwig-Maximilians-Universitaet Muenchen
Institut fuer den Nahen und Mittleren Osten
Veterinaerstr. 1, Zimmer 209, D-80539 Muenchen
Tel. 0(049)89-2180-2352, 2436
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