Dr. Sarah Kiyanrad, Salome Gandji, Magdalena Hackl, Alice Zanini, LMU München

Artikel vom 22. August 2026

Spurensucherinnen in Iran und Afghanistan: von Fotografien, „failed states“ und Frauen im Krieg

Salome Gandji: Iranische und europäische Fotografinnen in der Kadscharenzeit (1779 – 1925)  – das Bild der Frau vor und hinter der Kamera

Wenn wir Fotografien aus dem Iran des 19. Jahrhunderts betrachten, begegnen uns unzählige Porträts und Gruppenbilder von Männern – aber auch überraschend viele von Frauen. Doch wer hat diese Bilder eigentlich aufgenommen? Lange lautete die Antwort: Männer. Ein genauerer Blick auf die Quellen stellt diese Annahme jedoch infrage. Meine Arbeit zeigt, dass die Geschichte der frühen Fotografie im Iran weitaus vielschichtiger ist und dass diese Antwort zu einfach ist. Anhand ausgewählter Fotografien wird nicht nur die Rolle von Frauen als Objekte vor der Kamera untersucht, sondern auch ihre Position hinter der Kamera – als Fotografinnen. Die häufig fehlende Beschriftung der Aufnahmen erschwert jedoch eine eindeutige Zuordnung der Urheberschaft und wirft zugleich die Frage auf, ob tatsächlich ausschließlich Männer hinter der Kamera standen. Besonders auffällig ist die große Zahl iranische Frauen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts fotografisch festgehalten wurden. Angesichts der damaligen gesellschaftlichen und religiösen Einschränkungen erscheint dies sehr ungewöhnlich. Meine Arbeit hinterfragt daher kritisch die Annahme, dass die fotografische Praxis zu dieser Zeit ausschließlich Männern vorbehalten gewesen sei. Ausgehend von den vorhandenen Fotografien sowie verstreuten Hinweisen in Briefen, Notizen und Memoiren untersucht sie, inwiefern auch Frauen selbst hinter der Kamera gestanden und als Fotografinnen tätig gewesen sein könnten.

©Photo: Die Töchter Esmat al-Moluk und Faḫr al-Taj mit dem Vater Dust Moḥammad Khan Moayyer al-Mamalek. Fotograf: Esmat al-Dowle? Die Mutter? Mitte/Ende 19. Jahrhundert, Institute for Iranian Contemporary Historical Studies (IICHS), Tehran http://www.qajarwomen.orgen/items/1261A4

Alice Zanini: Meine Bachelorarbeit untersucht die Darstellung von Frauen in der iranischen Kriegsliteratur zum Ersten Golfkrieg (1980–1988) und unterscheidet dabei staatlich geförderte Propagandaliteratur von unabhängigen, realistischeren Werken. Im offiziellen Narrativ wurde der Krieg als religiöser Pflichtkampf gegen den Irak inszeniert, wobei religiöse Symbole (der Schlacht von Kerbala, Imam Husain) und das Märtyrertum zentrale Motive waren. Auch vorislamische Traditionen wurden genutzt, um säkulare Bevölkerungsteile anzusprechen. Frauen sollten laut Chomeini zwar am öffentlichen Leben teilhaben, jedoch nur unter Einhaltung islamischer Normen (Hijab, Geschlechtertrennung). Während des Krieges wurde von ihnen vor allem Mutterschaft und Opferbereitschaft erwartet, viele übernahmen aber aktivere Rollen aus unterschiedlichsten Motiven: von religiöser Pflicht bis Widerstand gegen patriarchale Strukturen. Gleichzeitig waren sie Diskriminierung, Gewalt und oft unzureichender staatlicher Unterstützung ausgesetzt. In der Literatur blieben Frauen zunächst Nebenfiguren; erst nach dem Krieg entstand eine „Frauen-Kriegsliteratur“, u. a. das staatlich geförderte Memoir „Dā“ von Zahra Hosseini. Als Fallbeispiel habe ich zwei Romane ausgewählt, die den Unterschied zwischen Propaganda- und unabhängige Literatur zeigen : „Naḫl-hāye bī sar“ von Qāssemʿali Farāsat idealisiert unkritisch das Opfer für Islam und Staat und die Figur der Kriegswitwe, während „Zamin-e suḫte“ von Aḥmad Maḥmūd mit der Figur Naneh Bārān, einer Kämpferin, die nach einem Konflikt mit dem Staat wieder in traditionelle Rollen zurückgedrängt wird, eine kritischere, aber ebenfalls ambivalente Perspektive bietet.

Beide Werke zeigen unterschiedliche Perspektiven zum Krieg, ohne frauenspezifische Themen wirklich zu vertiefen. Weitere Forschung, insbesondere zu Autorinnen selbst, wäre nötig, um zu klären, ob eine weibliche Perspektive andere Darstellungen liefert.

Magdalena Hackl: Deutsche Hilfsgelder in Afghanistan: Sektorale Schwerpunktsetzung vor und nach der Machtübernahme der Taliban

 Magdalena Hackl beschäftigte sich in ihrer Bachelorarbeit mit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe für Afghanistan. Gegenstand ihres Vortrags war die Frage, wie sich die Unterstützung nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 verändert hat und inwieweit sie der veränderten Bedarfslage der afghanischen Bevölkerung entspricht. Dafür stellte sie die Jahre 2017–2020 den Entwicklungen von 2021–2024 gegenüber. Als Grundlage dienten deutsche Official Developement Assistance Daten des OECD Creditor Reporting System, humanitäre Hilfsleistungen aus dem Financial Tracking Service der UN OCHA sowie die Humanitarian Needs Overviews. Vor 2021 lag der Schwerpunkt der deutschen Unterstützung auf langfristiger Entwicklungszusammenarbeit, Staatsaufbau und institutioneller Entwicklung. Nach der Machtübernahme nahm die humanitäre Hilfe stark zu und die Unterstützung konzentrierte sich zunehmend auf die unmittelbare Versorgung und Bewältigung der Krisenlage. Außerdem wurden die Gelder über andere Kanäle zur Verfügung gestellt und flossen oft über flexible Fonds.

Die Ergebnisse zeigen, dass diese Verschiebung grundsätzlich mit der zunehmenden humanitären Notlage übereinstimmt. Gleichzeitig ist die Ausgestaltung der deutschen Hilfe auch durch politische und operative Rahmenbedingungen geprägt. Die Nichtanerkennung der Taliban, rechtliche Unsicherheiten und eingeschränkte Umsetzungsmöglichkeiten spielen dabei eine entscheidende Rolle.